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    Blog

    Abschied von China

    Vor gut einem Jahr saß ich mit Kol­le­gen in ein­er Bar in Berlin, die Unter­hal­tung drehte sich um das bevorste­hende Aus­landsaben­teur in Chi­na. Die Unsicher­heit – im Nach­hinein ein biss­chen albern –war zu dem Zeit­punkt groß, da ein Visum für Chi­na rel­a­tiv aufwendig ist, und Chi­na auch aus vie­len anderen Grün­den ein prob­lema­tis­ches Land ist. „Was müsste passieren, dass wir alle nach Deutsch­land zurück­kehren? Dass wir alle abbrechen?“, fragte ein­er in die Runde.

    Die Grenzen des Online-Unterrichts

    Wer derzeit mit Kindern zu Hause sitzt oder das Glück hat, in einem der Bil­dungssys­teme dieser hoch ver­net­zen Welt zu arbeit­en, der hat – neben „Kon­tak­tsperre“ und „Öff­nungs­diskus­sion­sorgie“ – ein neues Wort in seinen täglichen Sprachge­brauch inte­gri­ert: „Online-Unter­richt“. Was vor weni­gen Wochen noch ein semi-zukun­ft­strächtiges Pro­jekt einiger Pri­vatschulen und Uni­ver­sitäten war, ist nun auch im deutschen All­t­ag angekom­men. Mich per­sön­lich beschäftigt dieser Online-Unter­richt schon seit Mitte Feb­ru­ar, als klar wurde, dass die chi­ne­sis­chen Uni­ver­sitäten geschlossen bleiben wer­den.

    Hauptsache süß

    Meine chi­ne­sis­chen Studieren­den, die sich seit Wochen tapfer durch Online-Sem­i­nare quälen, haben ein deutsches Lieblingswort, das sie immer und immer wieder ver­wen­den. Wenn ich sie auf­fordere eine Per­son zu beschreiben oder ihre Mei­n­ung zu Musik, Pop­kul­tur oder Film­stars ein­hole, lan­den wir stets bei der­sel­ben Vok­a­bel: „süß“. Fort­geschrit­tenere ver­wen­den auch gern mal Syn­onyme wie „niedlich“ oder gar „liebenswürdig“. Die Studieren­den find­en auch mich „süß“, obwohl ich ihre Dozentin bin und sie mit der deutschen Sprache ärg­ere. Für sie gibt es jedoch kein größeres Kom­pli­ment als jeman­den mit diesem Prädikat zu verse­hen.

    Chinesisch für Anfänger

    Chi­na ist noch immer in weit­er Ferne. Die Sit­u­a­tion vor Ort scheint sich zu bessern, doch wann das nor­male Leben weit­er geht, weiß noch immer nie­mand. Ver­bun­den füh­le ich mich dem Land derzeit vor allem über Sprache. Ganz Chi­na ist auf Online-Unter­richt umgestiegen, darunter auch meine Chi­ne­sisch-Lehrerin, die uner­müdlich ver­sucht, mich durch die ver­schiede­nen Sprach­lev­el zu lot­sen. Vor ein paar Monat­en hat­te ich von meinem Weg in die Unmündigkeit berichtet – und auch von dem damals selb­st aufer­legten Ziel, zumin­d­est ein biss­chen Chi­ne­sisch zu ler­nen. Zeit also für ein kurzes Update.

    Gestrandet

    Seit Anfang Jan­u­ar bin ich nicht mehr in Chi­na gewe­sen. Als ich in den Urlaub nach Indone­sien fuhr, hat­ten in Chi­na ger­ade die Semes­ter­fe­rien begonnen und der Aus­bruch des Coro­n­avirus war nicht mehr als eine Rand­no­tiz in den Nachricht­en, die mich zugegeben nur mäßig inter­essierte. Jet­zt weiß ich nicht genau, wann ich wieder nach Chi­na zurück­kehren werde.

    Das Leben in der digitalen Zukunft

    Neulich auf dem Nan­jinger Flughafen sprach mich jemand aus Weißrus­s­land an. Weit und bre­it die einzi­gen zwei „Expats“ zu sein, verbindet schließlich immer. Das gemein­same Durch­laufen der chi­ne­sis­chen Emi­gra­tionsprozedere auch. Es fol­gte also ein wenig Small Talk, der mit der Frage endete: „Kann ich noch kurz deinen QR-Code scan­nen?“ Daraufhin zück­te ich mein Handy und gener­ierte mit erstaunlich­er Abgek­lärtheit besagten QR-Code, der wiederum in Blitzschnelle vom Gegenüber einges­can­nt wurde, man wolle den Flug ja nicht ver­passen.

    Als Vegetarierin in China

    Mein Lieblingsveg­e­tari­er der Lit­er­aturgeschichte – und davon gibt es mehr, als man denken würde – ist Franz Kaf­ka, dessen Verzicht auf Fleisch sowohl unter­schwellige Patri­ar­chatskri­tik als auch Teil seines Gesund­heitswahns war. In Veg­e­tari­erkreisen wird ein Satz beson­ders gern zitiert, den Kaf­ka ange­blich über ein paar Fis­che gesagt haben soll, die er sich mit Max Brod in einem Aquar­i­um anschaute: „Nun kann ich euch in Frieden betra­cht­en. Ich esse euch nicht mehr.“

    Der Weg in die Unmündigkeit

    Keine Sprache der Welt scheint so viel Angst auszulösen wie die chi­ne­sis­che. Eine der meist­gestell­ten Fra­gen vor mein­er Abreise glich daher eher einem entset­zten Aus­ruf: „Du lernst doch dann nicht etwa Chi­ne­sisch!“. Das sei schon vorge­se­hen, murmelte ich stets als Antwort vor mich hin, und Chi­ne­sisch sei ja auch eine nüt­zliche Sprache. Die fra­gen­den Per­so­n­en blick­ten mich dann immer mit einem über­aus skep­tis­chen Gesicht­saus­druck an, dem ein resig­niertes Kopf­schüt­teln angesichts mein­er schein­bar hart­näck­i­gen Blauäugigkeit fol­gte. Darauf reagierte ich wiederum meist mit einem unverbindlichen Schul­terzuck­en, das irgend­was zwis­chen „mal abwarten, wie es dann vor Ort ist“ und einem „immer mit der Ruhe, so schw­er kann es doch nicht sein“ sig­nal­isieren sollte. Oft kam das Gespräch so zu einem frühzeit­i­gen Ende, aber ein biss­chen Unsicher­heit blieb natür­lich beste­hen.

    Auf nach China

    Wohl kaum ein Land ist derzeit bei den Deutschen so unbe­liebt wie Chi­na. Zumin­d­est in den Kreisen, in denen ich unter­wegs bin. Fre­unde schüt­teln ungläu­big den Kopf, fra­gen, warum ich aus­gerech­net nach Chi­na gehen muss und das auch noch für ein ganzes Jahr. Ein Typ in ein­er Berlin­er Bar fragt mich gar, was ich bei den „bösen Chi­ne­sen“ will. Man wisse doch, dass ihnen nichts heilig ist, schon gar nicht die so wichti­gen Fun­da­mente unser­er Demokratie, unsere so hart erkämpften Men­schen­rechte. Flüchtige Bekan­nte fra­gen mich zudem, übri­gens oft recht unver­mit­telt, was ich denn eigentlich von den chi­ne­sis­chen Män­nern halte, die seien doch so klein, und über­haupt: Chi­na, das ist zu laut, zu unberechen­bar, zu unfrei und die Men­schen sind merk­würdig, das sehe man doch an den ganzen Touris­ten, die ständig durch Europa touren. Ich könne meinen chi­ne­sis­chen Studieren­den ja dann auch mal beib­rin­gen, eine eigene Mei­n­ung zu bilden, kri­tisch zu denken, erzählt mir ein­er dieser flüchti­gen Bekan­nten weise nick­end, während ich mir den Boden meines Wein­glases ein biss­chen genauer anschaue.