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Das Leben in der digitalen Zukunft

Neulich auf dem Nanjinger Flughafen sprach mich jemand aus Weißrussland an. Weit und breit die einzigen zwei „Expats“ zu sein, verbindet schließlich immer. Das gemeinsame Durchlaufen der chinesischen Emigrationsprozedere auch. Es folgte also ein wenig Small Talk, der mit der Frage endete: „Kann ich noch kurz deinen QR-Code scannen?“ Daraufhin zückte ich mein Handy und generierte mit erstaunlicher Abgeklärtheit besagten QR-Code, der wiederum in Blitzschnelle vom Gegenüber eingescannt wurde, man wolle den Flug ja nicht verpassen.

Warum Treue nicht funktioniert

In den Texten dieser Kolumne habe ich mich bisher auf einer abstrakten Ebene bewegt. Es geht mir nicht so sehr um die Qualität von Übersetzungen oder um konkrete Methoden beim Übersetzen. Das ist auch wichtig, aber erstens steht es mir in meinen Augen nicht zu, die Arbeit meiner Kolleginnen (männliche Vertreter wie immer mitgemeint) zu bewerten, und zweitens kommt es (mir hier) tatsächlich nicht auf das Ergebnis an. Vielleicht wird das auch einmal Thema, aber erst einmal nicht.

Mozart remixt Händel

Weihnachten naht. Und neben Bachs Weihnachts-Oratorium ist wohl der Messiah von Georg Friedrich Händel mit dem weltberühmten Halleluja eines der meistaufgeführten Stücke dieser Tage:

Übersetzen Sie nicht

Von // Aus dem Spanischen von Freyja Melsted

1.) Übersetzen Sie nicht, wenn es bewölkt ist und Sie die Weite des Horizonts nicht sehen können, ihn nicht zwischen Himmel und Meer verschwinden sehen. Sie werden die unfassbar weite Welt nicht erkennen können, die Farbe und Temperatur dieser Form, der Sie sich annähern sollten und doch fernhalten, sie ein wenig anders sein lassen, ein wenig sein lassen. Das nenne ich Mysterium und Pragmatik der Alterität.

Als Vegetarierin in China

Mein Lieblingsvegetarier der Literaturgeschichte – und davon gibt es mehr, als man denken würde – ist Franz Kafka, dessen Verzicht auf Fleisch sowohl unterschwellige Patriarchatskritik als auch Teil seines Gesundheitswahns war. In Vegetarierkreisen wird ein Satz besonders gern zitiert, den Kafka angeblich über ein paar Fische gesagt haben soll, die er sich mit Max Brod in einem Aquarium anschaute: „Nun kann ich euch in Frieden betrachten. Ich esse euch nicht mehr.“

Sprache ist kein Fettgewebe

Wie wir über das Übersetzen sprechen, hat einen Einfluss darauf, wie wir diejenigen, die es betreiben, (nicht) wahrnehmen. In dieser Kolumne nehme ich mir einerseits gängige Übersetzungsmetaphern vor. Andererseits habe ich das Glück, auf die Vorarbeit des geschätzten Kollegen Frank Heibert zurückgreifen zu können, dessen Antrittsrede zur Schlegel-Professur 2016 unter dem Titel „Let’s get loud“ genau dies zum Thema hatte. Mir geht es darum, wie diese Bilder dazu beitragen, Übersetzerinnen (generisches Femininum, wie gewohnt) unsichtbar zu machen, in den Schatten mächtiger Brücken zu stellen oder zur Verräterin abzustempeln. Und vor allem geht es darum, sprachliche und theoretische Möglichkeiten aufzutun, wie wir Übersetzerinnen unsere Tätigkeit als eine kreative sichtbar machen können.

Hoger und Notker remixen gregorianische Choräle

Wer ist der Erfinder des Remix? Wer kam als erstes auf die Idee, Musik zu arrangieren, zu bearbeiten? Wo hat alles angefangen?

Derlei Fragen sind wichtig, wenn man sich mit der Geschichte des Remix beschäftigt, aber hinter ihnen steht eine sehr moderne Denkweise, und daher sind sie im Grunde falsch gestellt. Am Anfang der abendländischen Musik als Ganzer steht nämlich eine gigantische musikalische Transferleistung – wenn man so will, ein gigantischer Remix.

Das übersetzende Gedicht

Von // Aus dem Spanischen von Freyja Melsted

Der Ausdruck „übersetzen“ bedeutet „von einem Ort an einen anderen befördern“, als wäre Übersetzung ein Flughafen, wo man verschiedenste Anschlüsse hat; ein Ort des Transits, dessen Infrastruktur sich nach den Zeichen der Zeit verändert, damit er die Kluft zwischen den Sprachen schließen kann, ihrer Welten und ihrer Geschichte.

Der Weg in die Unmündigkeit

Keine Sprache der Welt scheint so viel Angst auszulösen wie die chinesische. Eine der meistgestellten Fragen vor meiner Abreise glich daher eher einem entsetzten Ausruf: „Du lernst doch dann nicht etwa Chinesisch!“. Das sei schon vorgesehen, murmelte ich stets als Antwort vor mich hin, und Chinesisch sei ja auch eine nützliche Sprache. Die fragenden Personen blickten mich dann immer mit einem überaus skeptischen Gesichtsausdruck an, dem ein resigniertes Kopfschütteln angesichts meiner scheinbar hartnäckigen Blauäugigkeit folgte. Darauf reagierte ich wiederum meist mit einem unverbindlichen Schulterzucken, das irgendwas zwischen „mal abwarten, wie es dann vor Ort ist“ und einem „immer mit der Ruhe, so schwer kann es doch nicht sein“ signalisieren sollte. Oft kam das Gespräch so zu einem frühzeitigen Ende, aber ein bisschen Unsicherheit blieb natürlich bestehen.