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Das übersetzende Gedicht

Von // Aus dem Spanischen von Freyja Melsted

Der Ausdruck „übersetzen“ bedeutet „von einem Ort an einen anderen befördern“, als wäre Übersetzung ein Flughafen, wo man verschiedenste Anschlüsse hat; ein Ort des Transits, dessen Infrastruktur sich nach den Zeichen der Zeit verändert, damit er die Kluft zwischen den Sprachen schließen kann, ihrer Welten und ihrer Geschichte.

Der Weg in die Unmündigkeit

Keine Sprache der Welt scheint so viel Angst auszulösen wie die chinesische. Eine der meistgestellten Fragen vor meiner Abreise glich daher eher einem entsetzten Ausruf: „Du lernst doch dann nicht etwa Chinesisch!“. Das sei schon vorgesehen, murmelte ich stets als Antwort vor mich hin, und Chinesisch sei ja auch eine nützliche Sprache. Die fragenden Personen blickten mich dann immer mit einem überaus skeptischen Gesichtsausdruck an, dem ein resigniertes Kopfschütteln angesichts meiner scheinbar hartnäckigen Blauäugigkeit folgte. Darauf reagierte ich wiederum meist mit einem unverbindlichen Schulterzucken, das irgendwas zwischen „mal abwarten, wie es dann vor Ort ist“ und einem „immer mit der Ruhe, so schwer kann es doch nicht sein“ signalisieren sollte. Oft kam das Gespräch so zu einem frühzeitigen Ende, aber ein bisschen Unsicherheit blieb natürlich bestehen.

Vom Selbstverständnis her Künstlerin

Zum Berufsalltag einer Literaturübersetzerin (generisches Femininum, männliche Personen sind jeweils ausdrücklich mitgemeint) gehört es auch, die übersetzten Bücher zu präsentieren. Häufig geschieht dies in Anwesenheit der Autorin, dann tritt die Übersetzerin meist in den Hintergrund und verkommt – wie im letzten Beitrag erwähnt – zum bloßen Sprachrohr. Oft wird bei solchen Gelegenheiten auch erwartet, dass Übersetzerinnen dolmetschen, was von Branchenfremden gern in einen Topf geworfen wird (dabei handelt es sich um zwei doch recht verschiedene Berufszweige, auf die zwei doch recht verschiedene Studiengänge vorbereiten). So war es tatsächlich ein Glücksfall, dass bei der letzten Buchvorstellung, die ich mitgestalten durfte, der Autor in letzter Minute abgesagt hat. So saßen die drei Frauen auf der Bühne, ohne die das Buch nicht entstanden wäre: Die Verlegerin, die Illustratorin und ich, die Übersetzerin.

Haydn remixt „Greensleeves“

Im Jahr 1790 erhielt der Komponist Joseph Haydn ein verlockendes Angebot: Auf Einladung des Musikunternehmers Johann Peter Salomon sollte er nach London reisen, um dort einige Konzerte zu geben. No big deal, hätte ein heutiger Joseph Haydn sich wohl gesagt und den nächsten Billigflieger bestiegen. Nicht so jedoch der historische Haydn: Zum einen reichte sein Englisch für einen solchen Anglizismus gar nicht aus. Und zum anderen war London mit seiner von freien Orchestern, Verlegern und Unternehmern bestimmten Musikszene genau der richtige Ort für Big Deals

Auf nach China

Wohl kaum ein Land ist derzeit bei den Deutschen so unbeliebt wie China. Zumindest in den Kreisen, in denen ich unterwegs bin. Freunde schütteln ungläubig den Kopf, fragen, warum ich ausgerechnet nach China gehen muss und das auch noch für ein ganzes Jahr. Ein Typ in einer Berliner Bar fragt mich gar, was ich bei den „bösen Chinesen“ will. Man wisse doch, dass ihnen nichts heilig ist, schon gar nicht die so wichtigen Fundamente unserer Demokratie, unsere so hart erkämpften Menschenrechte. Flüchtige Bekannte fragen mich zudem, übrigens oft recht unvermittelt, was ich denn eigentlich von den chinesischen Männern halte, die seien doch so klein, und überhaupt: China, das ist zu laut, zu unberechenbar, zu unfrei und die Menschen sind merkwürdig, das sehe man doch an den ganzen Touristen, die ständig durch Europa touren. Ich könne meinen chinesischen Studierenden ja dann auch mal beibringen, eine eigene Meinung zu bilden, kritisch zu denken, erzählt mir einer dieser flüchtigen Bekannten weise nickend, während ich mir den Boden meines Weinglases ein bisschen genauer anschaue.

Was Menschenfresserei mit dem Übersetzen zu tun hat

Im ersten Buch, das ich übersetzt habe, dem Blog einer in Berlin lebenden Brasilianerin, die schreibend ihre Kulturschocks verarbeitet hat, kam auch Kulinarisches vor. Aber um kulturell geprägte Nahrungstabus (Stichwort: Verbotene Tiere) soll es hier nur metaphorisch gehen. Warum, wird sich weiter unten zeigen. Bei diesem Buch gab es keinen Verlag, Layout und Druck hat die Autorin organisiert, das Lektorat habe ich einer Kollegin gegeben und der Text war wirklich keine große Literatur. Auf diesem Niveau fühlte ich mich so wohl, dass ich – in Absprache mit der Kundin – mehrere ihrer Blogtexte im Deutschen abgemildert bzw. umgeschrieben habe.