Übersetzen Sie nicht

Von // Aus dem Spanischen von Freyja Melsted

1.) Über­set­zen Sie nicht, wenn es bewölkt ist und Sie die Weite des Hor­i­zonts nicht sehen kön­nen, ihn nicht zwis­chen Him­mel und Meer ver­schwinden sehen. Sie wer­den die unfass­bar weite Welt nicht erken­nen kön­nen, die Farbe und Tem­per­atur dieser Form, der Sie sich annäh­ern soll­ten und doch fern­hal­ten, sie ein wenig anders sein lassen, ein wenig sein lassen. Das nenne ich Mys­teri­um und Prag­matik der Alter­ität.

So etwas ent­deck­te Emi­ly Dick­in­son in ihrem Bleis­tift, als sie ver­suchte, mit Worten ein Bild ihrer Sor­gen zu zeich­nen.

69
Low at my prob­lem bend­ing,
Anoth­er prob­lem comes —
Larg­er than mine— Seren­er —
Involv­ing state­lier sums.
 
I check my busy pen­cil,
My fig­ures file away.
Where­fore, my baf­fled fin­gers
Thy per­plex­i­ty?
(The Com­plete Poems of Emi­ly Dick­in­son, Back Bay Books, 1961)
69
Tief, wo mein Prob­lem sich beugt,
Kommt ein weit­eres auf —
Größer als meins — gle­ich­mütiger
Mit stat­tlicheren Beträ­gen.
 
Ich mus­tere meinen täti­gen Bleis­tift,
Meine Fig­uren abge­heftet.
Wozu, meine rat­losen Fin­ger
Eure Ver­wirrung?
(eigene Über­set­zung)

2.) Über­set­zen Sie nicht, wenn Ihnen der Heißhunger die Konzen­tra­tion raubt und Sie die Seite ver­schlin­gen wollen, die nicht Ihre ist, diese Idee und ihr kandiert­er Rand; wenn Sie an nichts anders denken kön­nen als daran, sich dieses unbekan­nte Süße auf der Zunge zerge­hen zu lassen und diesen unver­gle­ich­baren Duft von frisch geback­en­em Brot im Mund aufzulösen. Wis­sen Sie denn nicht, dass Über­set­zen bedeutet, in der Schwebe zu bleiben, allein mit dem Ver­lan­gen, von der Essenz eines anderen Rhyth­mus zu kosten? Das Wichtig­ste ist, dieses Gelüst zu repro­duzieren, das heißt, den Appetit auf Über­set­zung auf den Leser zu über­tra­gen. Nen­nen wir es eine großzügige Eindäm­mung des eige­nen Wil­lens und zugle­ich eine Aus­dehnung der Wartezeit; oder die Auf­gabe jen­er, die andere die Lust an Frücht­en jen­seits des Hor­i­zonts lehren.

3.) Über­set­zen Sie nicht, wenn Sie weite Wege nicht gewohnt sind. Sie wer­den nicht ohne zu jam­mern eine Bergkette ent­lang­wan­dern kön­nen, Ihre Fuß­sohlen wer­den bluten, bevor Ihnen am Hang neue Ver­ben ein­fall­en; Die über­mäßige Anstren­gung wird Ihr Zwer­ch­fell über­fordern. Sie wer­den die steil­sten Ent­deck­un­gen ver­passen, denn der neuar­tige Wind wird uner­bit­tlich sein. Wir nen­nen das einen Über­set­zer mit guten Lun­gen und der nöti­gen Muskelkraft für die sprachüber­greifende Auf­gabe, die ständig auf­taucht, während Sie nach dem richti­gen Wort suchen, diesem geseg­neten Wort, das Ihnen stun­den­lang durch die Fin­ger geht.

4.) Über­set­zen Sie nicht, wenn Sie Höhenangst haben, denn Sie wer­den nicht in der Lage sein, wie die Kon­dore das Schwindel­ge­fühl zu genießen, im let­zten Schwung von einem Trapez zum näch­sten, das sich immer weit­er ent­fer­nt, hin zu ein­er völ­lig anderen Aus­druck­sweise. Sie kön­nen wed­er den Atem anhal­ten, noch den Mut zusam­menkratzen, um auf dem Schlapp­seil der Worte zwis­chen zwei Ufern zu bal­ancieren, denn damit wäre klar, dass Sie Angst vor dem Tod haben und Über­set­zen bedeutet ein wenig zu ster­ben, um diese ferne Pflanze wieder auf dieser Erde auf­s­prießen zu lassen. Das nen­nen wir Geschick unter freiem Him­mel, Sprung ohne Garantie, und ein neuer Schreck, der aus der Fuge zwis­chen zwei Sprachen ents­prießt.

5.) Über­set­zen Sie nicht, wenn Sie nicht mit dem Schamge­fühl umge­hen kön­nen, wenn Sie rot wer­den bei jedem Fehler, der doch Mut­ter aller Neuheit­en ist, der uner­wartet hin­ter ein­er Ecke lauert; das heißt, lassen Sie es, wenn Sie aus dem Irrtum keinen frucht­baren Boden machen kön­nen. Fehler sind der Sprung im Glas, der zeigt, dass alle Über­set­zun­gen unvoll­ständig sind und seine eigene Unvol­lkom­men­heit mit gewis­sem Stolz präsen­tieren sollte, denn dieser Sprung ist genau der Raum, den das Schaf­fen benötigt. Ich spreche von den berühmten Ver­lus­ten bei der Über­set­zung, die eher gute Möglichkeit­en sind, für neue Betra­ch­tungsweisen. Fan­tasievoll, kön­nte man sagen, wird dieses Bedürf­nis nach einem Sprung in Dick­in­sons Gedicht 288 deut­lich, in dem ein Wort, zu ein­er Fre­undin gesprochen, davon erzählt, wie sehr sie es ablehnt, definiert zu wer­den, weil sie diese seman­tis­che Ein­schränkung für geschmack­los hält. Um sich wieder neu aufzustellen, müsste sie Nie­mand wer­den:

288
I’m Nobody! Who are you?
Are you —Nobody— Too?
Then there’s a pair of us!
Don’t tell! they’d adver­tise —you know!
 
How drea­ry —to be— Some­body!
How pub­lic —like a Frog—
To tell one’s name —the live­long June—
To an admir­ing Bog!
(The Com­plete Poems of Emi­ly Dick­in­son, Back Bay Books, 1961)
288
Nie­mand bin ich! Und du?
Ein Nie­mand – noch dazu?
Dann sind wir zwei im Land!
Still! Gle­ich wird man bekan­nt!
 
Wie öde – Jemand sein!
Sein Leb­tag – Fröschen gle­ich –
Den eignen Namen auszuquak­en –
Für den Applaus im Teich!
(Ü. Gun­hild Kübler, Hanser, 2015)

Über­set­zen Sie, wenn Sie nie­mand sein wollen, wenn Sie sich ein wenig zurück­hal­ten und trotz­dem in der Sprache wieder­erken­nen kön­nen, etwas aus­ge­höhlt, aber bere­it, zusam­men Nie­mand zu sein.

Aus dem Spanis­chen über­set­zt von Frey­ja Mel­st­ed. Véase tam­bién el tex­to orig­i­nal aquí.
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.