Translation Lockdown

Von // Aus dem Spanischen von Freyja Melsted

Stellen Sie sich vor, Ihre Worte bleiben heute in der Kehle einges­per­rt, unter Quar­an­täne. Nur wenig Licht fällt ein, es ist Früh­ling, man hofft auf Farbe und Leben, doch es reg­net ohne Ende. Aus dem Halb­dunkel tritt nichts aus, nichts ein, nicht ein­mal die Zeit. Nächte und Tage sind nur noch Werke und Tage – was für eine Aus­sage, Hes­iod, was ging nur in deinem Kopf vor?

Der Geist find­et keine Ruhe, Klarheit bekommt nur, wer sich immer bewusst ist, dass diese Pforte nicht durch­schrit­ten wer­den kann, und die Nacht, Ruhe für die Musku­latur, Unter­hal­tung für den Geist, nicht mehr dieselbe ist. Ihr frem­den Sprachen, wisst ihr noch, wie es war, mit Fre­un­den aus anderen Län­dern ein küh­les Bierchen zu trinken? Siehst du? Das meinte ich am Ende unser­er geheimen Tre­f­fen. So wird das nichts mit ein­er neuen Lieb­schaft diese Tage. Sog­ar meine Schwärmerei für die toten Sprachen und ihren Dek­li­na­tio­nen freut sich auf ein epis­ches Wieder­se­hen.

Sie meinen, ich solle Abstand hal­ten, mich an eine Maske gewöh­nen, nicht mit Neol­o­gis­men um mich wer­fen. Hier werde ich sie in der Zwis­chen­zeit großziehen, damit sie, wenn es wieder möglich ist, frei herum­ren­nen und neue Fre­unde find­en kön­nen. Und ich werde so gut wie möglich ver­suchen, keine ansteck­enden Worte zu for­men, oder das Böse beim Namen nen­nen, das uns plagt und beschlossen hat, aller Schick­sal zu vere­in­heitlichen, um jede Nähe zu unterbinden. Ich habe Angst, das Erar­beit­ete zu ver­lieren, alle Brück­en, die gebaut wur­den, um fremde Sprachen ken­nen­zuler­nen, um ihre Mech­a­nis­men zu ver­ste­hen, ihre vergnügte Form einen Vers zum Schwin­gen zu brin­gen, das pulsierende Gefühl, das neu erwägt und erlernt wird, um das Gedicht im Orig­i­nal zu erfassen. All dies geht jet­zt ver­loren und ist nur noch eine Erin­nerung an frühere Fähigkeit­en, an Stim­men, die näher rück­ten und jet­zt dahin­schwinden.

Außer­dem meinen sie, meine Gefüh­le seien wed­er deter­miniert noch natür­lich, meine Ein­samkeit sei eine Erfind­ung der Mod­erne. Ein­siedler mussten doch früher nur in den Wald gehen und dort auf Erleuch­tung warten, kon­nten in strahlend hellen Nächt­en die Stimme Gottes hören, also kön­nte auch ich die Wärme ein­er anderen Form der Nähe spüren. Und wenn Vir­ginia Woolf in einem Zim­mer für sich allein einen Zus­tand rein­er Kreativ­ität find­en kon­nte, wenn Jesus selb­st allein in die Wüste zog … aber es ist nicht das­selbe. Was, wenn die Sprache Gottes auf der Straße läge? Wenn die gesamte Schöp­fung aus einem Gespräch her­vorgin­ge, aus einem Gemunkel irgend­wo? Vielle­icht entste­ht dieses Wort der Schöp­fung aus ein­er notwendi­gen Kom­plizen­schaft.

Um mich aufzuheit­ern meinen sie, der Kon­takt zu einem auswär­ti­gen Gedicht – eigen­tüm­lich, komisch, oder voller Zärtlichkeit – wäre ja nicht wichtig. Bess­er gesagt, man kön­nte sich die Launen, den Gries­gram oder die mys­ter­iösen Forderun­gen ein­fach sparen. Aber kann mir dann bitte jemand erk­lären, wozu man mit sich selb­st sprechen soll, wenn man sich nicht wider­sprechen kann oder missver­ste­hen kann, frus­tri­ert wer­den, auf halbem Weg bleiben? Denn auf dieser Suche nach der Schwelle zwis­chen dir und mir, habe ich mein Knäuel entwirrt und neue Knoten gemacht. Mit dem Lächeln eines bele­se­nen Men­schen wer­den sie mir erk­lären, ich solle mein­er ges­pal­te­nen Per­sön­lichkeit zur Hand gehen, die bei­den Hälften mein­er selb­st disku­tieren lassen, sie gegen mein Über-Ich aufhet­zen; aber liebe Leute, der Kon­takt, den ich fordere, ist ein­fach. Über­set­zung ist doch kör­per­lich, oder nicht? Ein materieller Kos­mos, der sich einem anderen nähert, die Mor­phosyn­tax sticht ins Auge, Par­al­le­len reichen sich die Hand, schmalzige Bilder eines Kuss­es im Schat­ten …

Ich warte weit­er, jet­zt ist alles drin­nen, pri­vater, unüber­trag­bare Kodexe, „besorge dir deine eige­nen Klas­sik­er“, meinen sie, aber ich kann nicht anders. Emi­ly Dick­in­son erscheint immer wieder am Fen­ster, weil sie die herbe Ein­samkeit bess­er ken­nt, als alle anderen. 

“Hope” is the thing with feathers–
That perches in the soul
And sings the tunes without the words –
And never stops – at all –

And sweetest –in the Gale– is heard–
And sore must be the storm–
That could abash the little Bird
That kept so many warm –

I’ve heard it in the chillest land –
And on the strangest Sea –
Yet, never, in Extremity,
It asked crumb – of Me.
„Hoffnung“ ist das Ding mit Federn,
Das lebt in der Seele
Und Lieder ohne Worte singt
Unaufhörlich, aus voller Kehle.

Besonders lieblich klingt es im Sturm
Und stark muss er wehen, der Wind
Der die Gesänge verstummen lässt,
Die doch vielen Wärme sind.

Ich hörte es im kältesten der Länder,
Und auf unbekannter See
Und doch, auch nicht in allergrößter Not,
Bat es um Krümel, im Gegenzug.
(Übersetzung FM
Aus dem Spanis­chen über­set­zt von Frey­ja Mel­st­ed. Véase tam­bién el tex­to orig­i­nal aquí.

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