Die Lyrik Alice Dunbar-Nelsons

Von // Aus dem Spanischen von Freyja Melsted

Im zeit­genös­sis­chen Denken wer­den gerne bis­lang unbeachtete Aspek­te der Ver­gan­gen­heit aufge­grif­f­en. Dabei geht es keineswegs um den verge­blichen Ver­such ein­er Wiedergut­machung, ­­– das ist nicht mehr möglich – son­dern darum, so auf die Ver­gan­gen­heit zu blick­en, dass sich Ansätze zur Reflex­ion und ein ästhetis­ch­er Wert in der Gegen­wart bieten.

Eine wesentliche Rolle dabei spielt die Über­set­zung, denn sie eröffnet bish­er unbekan­nte alte Wege in frem­den Kul­turen und bere­ichert somit unsere eigene Geschichte. Aus diesem Grund über­set­ze ich dies­mal Gedichte von Alice Dun­bar-Nel­son (1875–1935), afro-amerikanis­che Autorin des frühen zwanzig­sten Jahrhun­derts.

Alice Dun­bar-Nel­son (1902) Bild: Wikipedia

Sie kam 1875 in New Orleans als Alice Ruth Moore zur Welt und studierte Lit­er­atur, Geschichte, Philoso­phie und Zeich­nen an der Straight Uni­ver­si­ty, der Uni­ver­si­ty of Penn­syl­va­nia und der Cor­nell Uni­ver­si­ty, wo sie ihre Abschlus­sar­beit über den Ein­fluss von John Mil­ton auf William Wordsworth ver­fasste. Sie arbeit­ete als Lehrerin und schrieb Kurzgeschicht­en, Romane, Gedichte und The­ater­stücke. Alice Moore war eine prä­gende Fig­ur der frühen Jahre der Harlem Renais­sance. Sie pub­lizierte in ein­flussre­ichen Zeitschriften der Zeit wie The Cri­sis und war Mither­aus­ge­berin von A. M. E. Review und der pro­gres­siv­en Zeitung Wilm­ing­ton Advo­cate. Außer­dem engagierte sie sich für ein Recht auf Bil­dung der afroamerikanis­chen Bevölkerung und die Frauen­rechts­be­we­gung. Sie nahm den Nach­na­men ihres ersten Mannes, Paul Lau­rence Dun­bar, an, der zweite Nach­name, Nel­son, geht auf ihre spätere Ehe mit Robert J. Nel­son zurück.

Vio­lets and Oth­er Tales (1895)

Ihr Buch Vio­lets and Oth­er Tales (1895) erschien als Alice erst zwanzig Jahre alt war und bein­hal­tet reflek­tierte und pro­funde Gedichte, Erzäh­lun­gen, Zeich­nun­gen und Essays von sub­til­er Vorstel­lungskraft, wie zu sehen am Beispiel von „Impres­sions“:

THOUGHT
A swift, successive chain of things
That flash, kaleidoscope-like now in, out now.
Now straight, now eddying in wild rings,
No order, neither law, compels their moves.
But endless, constant, always swiftly roves.
[…]

DEATH
A traveler who has always heard
That in this journey he some day must go,
Yes shudders now, when at the fatal word
He starts upon the lonesome, dreary way,
The past, a page of joy and woe,-
the future, none can say.

FAITH
Blind clinging to a stern, stone cross,
Or it may be of frailer make;
Eyes shut, ears closed to earth’s drear dross,
Immovable, serene, the world away
From thoughts- the mind uncaring for another day.[1]
GEDANKE
Eine flüchtige, fortlaufende Reihe von Dingen,
Die aufleuchten wie ein Kaleidoskop, mal an, mal aus.
Mal gerade, mal in wilden Kreisen wirbelnd,
Keiner Ordnung oder Regel folgend.
Aber ohne Ende, stetig, schweifen sie geschwind.
[…]

TOD
Ein Reisender, der immer hörte,
Dass er selbst eines Tages gehen müsse,
Zuckt jetzt zusammen, beim verheerenden Wort,
Macht sich auf den einsamen, tristen Weg,
In der Vergangenheit liegen Freud und Leid,
Was die Zukunft bringt, kann niemand sagen.

GLAUBE
Blindes Klammern an ein hartes, steinernes Kreuz,
Oder sei es fragiler gebaut,
Augen zu, Ohren geschlossen vor der Unordnung der Welt,
Unbeweglich, gelassen, eine Welt entfernt
Von Gedanken – der Geist gleichgültig für einen weiteren Tag.[Übersetzung FM]

Das Gedicht ver­mit­telt eine beherrschte und nüchterne Auf­fas­sung des Lebens: der Gedanke ist flüchtig, wild und vielfältig, der Tod ste­ht unmit­tel­bar bevor und der Glaube ist im Prinzip blind. Der scharfe lyrische Blick Dun­bar-Nel­sons ste­ht im Kon­trast zu einem kri­tis­chen Ton in Bezug auf die Erin­nerun­gen an die Sklaverei, wie in „The Negro Farm­ers of the Unit­ed States of Amer­i­ca“:

God washes clean the souls and hearts of you,
His favored ones, whose backs bend o’er the soil,
Which grudging gives to them requite for toil
In sober graces and in vision true.
God places in your hands the pow’r to do
A service sweet. Your gift supreme to foil
The bare-fanged wolves of hunger in the moil
Of Life’s activities. Yet all too few
Your glorious band, clean sprung from Nature’s heart;
The hope of hungry thousands, in whose breast
Dwells fear that you should fail. God placed no dart
Of war within your hands, but pow’r to start
Tears, praise, love, joy, enwoven in a crest
To crown you glorious, brave ones of the soil.[2]
Gott wäscht eure Seelen und Herzen,
Seine Liebsten, die ihre Rücken über die Erde beugen,
Die missgönnend die Mühen vergilt,
Voll bescheidener Anmut und mit wahrer Absicht.
Gott legt in eure Hände die Macht,
Wohltaten zu tun, eine herrliche Kraft,
Um die zähnefletschenden hungrigen Wölfe
Im Durcheinander des Lebens zu durchkreuzen. Und doch zu klein
Ist eure glorreiche Schar, reinen Ursprungs im Herzen der Natur;
Die Hoffnung tausender Hungernder, in deren Brust
Die Angst lebt, ihr könntet versagen. Gott legt kein Kriegsbeil
In eure Hände, sondern die Kraft,
Tränen, Lob, Liebe und Freude auszulösen, zu einem Wappen gewoben,
Euch zu ehren, die Tapferen der Erde.[Übersetzung FM]

Die ergreifend­en Worte des Gedichts, die Span­nun­gen zwis­chen Hass, Mitleid und Gewalt darstellen, erschienen in Speak­er and Enter­tain­er, einem von Dun­bar-Nel­son (1920) her­aus­gegeben Buch, das die beste Prosa und Lyrik afroamerikanis­ch­er Autorin­nen und Autoren in einem Band vere­inen sollte. Das Buch ent­stand in ein­er Zeit, in der der kollek­tive Charak­er ihres kul­turellen Schaf­fens definiert wurde, der an ein von Stärke und Schmerz gekennze­ich­netes Erbe erin­nert. Alice Dun­bar-Nel­sons Arbeit als Schrift­stel­lerin, Her­aus­ge­berin und Aktivistin macht­en sie zu ein­er Vor­re­i­t­erin afroamerikanis­ch­er Autorin­nen, die sich in ihrem Schreiben mit der Kom­plex­ität ein­er vielfälti­gen Abstam­mung und den Fol­gen für den Iden­titäts­be­griff auseinan­der­set­zten.


[1] Dun­bar-Nel­son, Alice. Vio­lets and oth­er tales. Boston, Mass.: Month­ly Review, 1895. p.63.

[2] Dun­bar-Nel­son, Alice. The Works of Alice Dun­bar-Nel­son Vol­ume 2. Lon­don: Oxford Uni­ver­si­ty Press, 198. p. 82.

Aus dem Spanis­chen über­set­zt von Frey­ja Mel­st­ed. Véase tam­bién el tex­to orig­i­nal aquí.

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