Was Menschenfresserei mit dem Übersetzen zu tun hat

Im ersten Buch, das ich über­set­zt habe, dem Blog ein­er in Berlin leben­den Brasil­ianer­in, die schreibend ihre Kul­turschocks ver­ar­beit­et hat, kam auch Kuli­nar­isches vor. Aber um kul­turell geprägte Nahrungstabus (Stich­wort: Ver­botene Tiere) soll es hier nur metapho­risch gehen. Warum, wird sich weit­er unten zeigen. Bei diesem Buch gab es keinen Ver­lag, Lay­out und Druck hat die Autorin organ­isiert, das Lek­torat habe ich ein­er Kol­le­gin gegeben und der Text war wirk­lich keine große Lit­er­atur. Auf diesem Niveau fühlte ich mich so wohl, dass ich – in Absprache mit der Kundin – mehrere ihrer Blog­texte im Deutschen abgemildert bzw. umgeschrieben habe.

Da war beispiel­sweise ein­er über Hartz-IV-Empfänger, der im por­tugiesis­chen Orig­i­nal der Fed­er ein­er Bol­sonaro-Wäh­lerin würdig gewe­sen wäre. An ander­er Stelle habe ich sach­liche Fehler kor­rigiert, hier und da die Pointe ver­schoben. Was man eben tut, damit man als Über­set­zerin mit dem Ergeb­nis gut leben kann. Unsere Wege tren­nten sich, nach­dem ich ver­sucht hat­te, der Kundin zu erk­lären, wie das deutsche Urhe­ber­recht funk­tion­iert und ich auf der Titel­seite genan­nt wer­den wollte. Sei­ther arbeite ich nur noch mit Ver­la­gen zusam­men, da kann man wenig­stens davon aus­ge­hen, dass Urhe­ber­schaft ein bekan­nter Begriff ist, der auch mit Über­set­zerin­nen zu tun hat.

Das bei Kri­tik­erin­nen und Kol­legin­nen vorherrschende Ver­ständ­nis vom Über­set­zen ist gemein­hin – so meine Erfahrung – ein hermeneutis­ches. Wir alle haben irgend­wann ein­mal den berühmten Schleier­ma­ch­er-Text über die ver­schiede­nen Meth­o­d­en des Über­set­zens gele­sen, bei dem der ehren­werte Autor zwis­chen Ein­bürg­ern und Ent­frem­den dif­feren­ziert. Die Über­set­zer haben die Wahl, entwed­er den Schrift­steller in Ruhe zu lassen und die Leser auf ihn zuzube­we­gen, oder aber sie lässt den Leser in Ruhe und bewegt den Autoren auf ihn zu. Das klingt wie eine gute Anleitung zum Über­set­zen. Ich als Über­set­zerin muss mich im Prinzip „nur“ entschei­den, ob ich ver­frem­den oder ein­bürg­ern möchte. Und da die Feuil­letons ja in zuver­läs­siger Regelmäßigkeit „flüs­sige“, „gut les­bare“ Über­set­zun­gen loben, die man gar „für Orig­i­nale“ hal­ten mag, sind damit meine beru­flichen Her­aus­forderun­gen ja sicher­lich zu meis­tern.

Nun. Mit­tler­weile ist Herr Schleier­ma­ch­er doch schon fast 200 Jahre tot und seine The­o­rie etwas ver­staubt. In der Lit­er­atur­wis­senschaft geschah in der Zwis­chen­zeit eine Menge, unter anderem ver­starb der Autor und erstand in ander­er Form auf, man dekon­stru­ierte, dekolonisierte, gen­derte. Außer­dem entwick­elte sich aus Sprach­wis­senschaft, Sprach­philoso­phie und Lit­er­atur­wis­senschaft die soge­nan­nte Trans­la­tion­swis­senschaft. Im Gegen­satz zu vie­len anderen the­o­retis­chen Gebi­eten ist das Gute an Über­set­zungs­the­o­rien, dass sie mir in mein­er alltäglichen Über­set­zungstätigkeit tat­säch­lich helfen kön­nen. Damit meine ich nicht, dass ich nur ein paar The­o­rien ken­nen muss, um gut zu über­set­zen, son­dern vielmehr, dass das Nach­denken über die Tätigkeit des Über­set­zens, inklu­sive über die eigene Posi­tion im Ver­hält­nis zum Aus­gangs- und Ziel­text und zur Autorin des Aus­gang­s­texts, wertvolle Impulse geben kann.

Eine Weile nach Schleier­ma­ch­er erschien ein weit­er­er Text, der immer wieder im Kon­text von Lit­er­aturüber­set­zun­gen herange­zo­gen wird: Wal­ter Ben­jamins „Die Auf­gabe des Über­set­zers“. Schleier­ma­ch­ers hermeneutis­ch­er Ansatz, der immer um den Autor (heute würde man wohl eher sagen, um den Text) kreist, wird hier um eine tran­szen­den­tale Kom­po­nente erweit­ert. Bei Ben­jamin scharen sich die ver­schieden­sprachi­gen Über­set­zun­gen eines Textes zu einem Ganzen zusam­men, das der „Göt­tlichen Sprache“ immer näher kommt, sie aber doch nie erre­icht. War bei Schleier­ma­ch­er das Umkreisen des Aus­gang­s­texts in hermeneutis­chen Zirkeln Voraus­set­zung für eine stets min­der­w­er­tige, da nie vol­lkom­men ver­ste­hende Über­set­zung, so fügt Ben­jamin eine weit­ere Ebene hinzu. Hier rückt der Aus­gang­s­text durch seine, eben­so wenig wie bei der Über­set­zung vorhan­dene Vol­lkom­men­heit (die gibt es ja nur in der „göt­tlichen Sprache“) wenig­stens poten­ziell auf Augen­höhe mit dem Ziel­text. Durch die göt­tliche Kom­po­nente, die von Men­schen sowieso nicht erre­icht wer­den kann, wird es für Über­set­zerin­nen doch etwas möglich­er, einem „Orig­i­nal“ gerecht zu wer­den.

Und – ich fasse stark zusam­men – aus­ge­hend von dieser Hin­tertür bei Wal­ter Ben­jamin entwick­el­ten einige brasil­ian­is­che Avant­gardis­ten der 1920er Jahre rund um Harol­do de Cam­pos eine anthro­pophagis­che, also men­schen­fresserische, Über­set­zungs­the­o­rie. De Cam­pos nimmt hier­bei ein Ele­ment der präkolumbis­chen Geschichte Brasiliens, namentlich das Fak­tum, dass bes­timmte indi­gene Grup­pen tat­säch­lich beson­ders mächtige und bewun­derte (das ist wichtig!) Feinde nach bes­timmten rit­uellen Vor­gaben und zu bes­timmten Gele­gen­heit­en ver­speis­ten, als Aus­gangspunkt für seine The­o­rie. Dabei han­delt es sich tat­säch­lich um eine umfassende Kul­tur­the­o­rie, an dieser Stelle soll aber nur der über­set­zerische Aspekt beleuchtet wer­den. Die Über­set­zerin wird also bei ihrer Arbeit zur Men­schen­fresserin, sie bricht mit dem ulti­ma­tiv­en Nahrungstabu und ver­leibt sich das ver­boten­ste aller Tiere ein. Das heißt, ihre Arbeit beste­ht darin, einen Text zu ver­speisen, ihn zu ver­dauen und das selb­st gener­ierte End­pro­dukt am Ende zu präsen­tieren. Wenn wir den Ekelfak­tor dieses Bildes außen vor lassen, dann bietet es eini­gen Anlass zur Freude. Wir Lit­er­aturüber­set­zerin­nen bele­gen so oft eine rand­ständi­ge Posi­tion inner­halb des Ver­lags­be­triebs, wir sind prak­tisch alle freiberu­flich tätig, müssen um unsere KSK-Mit­glied­schaft ban­gen, wer­den nicht ein­be­zo­gen, nicht informiert, wenn die von uns über­set­zen Büch­er präsen­tiert wer­den, müssen uns teils selb­st um die Ver­mark­tung küm­mern, wer­den ganz selb­stver­ständlich (und unvergütet) als Dol­metscherin­nen bei Lesun­gen einge­set­zt und verkom­men so zum reinen Sprachrohr, das selb­st eigentlich nichts zu sagen hat.

Dieses Bild unseres Berufs ist in mein­er Erfahrung sehr tief ver­wurzelt im Lit­er­aturbe­trieb und es scheint kaum möglich, daraus auszubrechen. Doch gibt zumin­d­est mir die Idee der über­set­zerischen Anthro­pophagie einen Aus­gangspunkt, um mit mehr Selb­st­be­wusst­sein an lit­er­arische Texte her­anzutreten. Wenn ich davon aus­ge­he, dass meine Über­set­zung aus dem respek­tvollen, akribis­chen und genussvollen Verzehr des Aus­gang­s­texts her­vorge­gan­gen ist, aber ein Pro­dukt meines Metab­o­lis­mus ist, bin ich auch eher in der Lage, meine Co-Autorschaft zu claimen, wie man heute so schön sagt. Auch gegenüber einem Pub­likum, das immer und immer wieder fragt, ob man nicht daran (ver)zweifle, dem Aus­gang­s­text, dem geheiligten „Orig­i­nal“ gerecht zu wer­den. Die Antwort sollte wed­er ja noch nein sein. Son­dern die Gegen­frage: Warum lesen wir Über­set­zun­gen unter der Über­schrift der Aus­gang­s­text-Autorin­nen? Warum verkaufen uns Ver­lage und Buch­lä­den „den neuen Houelle­becq“ statt „die neue Über­set­zung von Ste­fan Klein­er“? Warum ver­lan­gen wir als Lit­er­aturkon­sumentin­nen nicht „die neue Über­set­zung von Mar­i­anne Gareis oder Susanne Lange“ statt „den neuesten Roman von Macha­do de Assis oder Ale­jan­dro Zam­bra“?

Lasst uns über diese Fra­gen nach­denken, reden, disku­tieren. Und was das alles für die per­sön­liche Beruf­sprax­is bedeuten kann, wird beim näch­sten Mal aus­ge­führt.

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