Warum Treue nicht funktioniert

In den Tex­ten dieser Kolumne habe ich mich bish­er auf ein­er abstrak­ten Ebene bewegt. Es geht mir nicht so sehr um die Qual­ität von Über­set­zun­gen oder um konkrete Meth­o­d­en beim Über­set­zen. Das ist auch wichtig, aber erstens ste­ht es mir in meinen Augen nicht zu, die Arbeit mein­er Kol­legin­nen (männliche Vertreter wie immer mit­ge­meint) zu bew­erten, und zweit­ens kommt es (mir hier) tat­säch­lich nicht auf das Ergeb­nis an. Vielle­icht wird das auch ein­mal The­ma, aber erst ein­mal nicht.

Was ich meine, ist der Unter­schied zwis­chen The­o­rie und Meth­ode bzw. Method­olo­gie, der lei­der häu­fig ver­wis­cht. Die Wis­senschaft­lerin in mir denkt viel nach, auf ein­er abstrak­ten Ebene. Sie stellt sich und anderen manch­mal sehr merk­würdi­ge Fra­gen – zuweilen halb im Scherz wie im fol­gen­den Beispiel: Ich traf mich kür­zlich mit ein­er brasil­ian­is­chen Lyrik­erin, um eine kün­ftige Zusam­me­nar­beit zu besprechen. Als es ums Bezahlen unser­er Getränke ging, woll­ten wir uns gegen­seit­ig ein­laden und halb im Scherz fragte ich, ob es ok sei, wenn ich sie ein­lüde oder ob sie es als großkotzige kolo­niale Geste ver­ste­hen würde. Wir lacht­en bei­de und ich durfte sie am Ende ein­laden, ohne postkolo­niale Ressen­ti­ments. Wäre die besagte Dich­terin nicht geübt im Nach­denken über (post-) kolo­niale Macht­ge­füge, hätte ich mich mit dieser Frage lächer­lich gemacht. Im schlimm­sten Fall hätte ich einen Stre­it vom Zaun gebrochen. So aber hat­ten wir bei­de unseren Kaf­fee und unseren Spaß.

Warum ich das hier erzäh­le? Weil es beim Über­set­zen so ähn­lich ist. Die The­o­rie ist grund­sät­zlich nicht das, was mir in der Prax­is konkrete Hand­lungsan­weisun­gen gibt und manch­mal ist die The­o­rie in der Prax­is sog­ar hin­der­lich. Aber sie wirft wichtige Fra­gen auf und bringt mich zum Nach­denken über meine Tätigkeit. Und das ist der Unter­schied zur Meth­ode bzw. der Method­olo­gie. Es geht mir hier nicht um Meth­o­d­en des Über­set­zens. Diese Fra­gen sind bess­er aufge­hoben in den wun­der­baren Werk­stät­ten des DÜF, im Über­set­zerin­nenall­t­ag, beim Lek­torat und im Kon­takt mit Kol­legin­nen. Es geht mir um Hal­tung und um Selb­st­be­wusst­sein. Es geht mir um Macht­ge­füge. Es geht mir um Struk­turen. Es geht mir um ein the­o­retis­ches Gerüst, vielle­icht sog­ar um epis­te­mol­o­gis­che Fra­gen.

Aber kehren wir zurück zum The­ma Über­set­zung. Und zum Begriff der Treue, der im Brock­haus von 1837 (Bd. 4, Seite 469) wie fol­gt definiert ist:

„Treue wird das unver­wan­del­bare Fes­thal­ten an dem Pflicht­mäßi­gen hin­sichtlich des von Andern in uns recht­mäßig geset­zten Ver­trauens genan­nt; denn würde Jemand einem Andern z. B. ein began­ge­nes Ver­brechen oder gar den Anschlag zu einem beab­sichtigten unter dem Siegel der Ver­schwiegen­heit eingeste­hen, so wäre er keineswegs zu erwarten berechtigt, daß dieser es nicht der Obrigkeit anzeige, was vielle­icht die höhere Pflicht gegen die Gesellschaft unbe­d­ingt fordern kön­nte. In Beziehung auf die ver­schiede­nen Verbindlichkeit­en und Pflicht­en spricht man von Beruf­streue, von Treue im Amte, im Dien­ste, in der Fre­und­schaft, in der Ehe, und wenn Jemand das von Andern recht­mäßig auf ihn gelegte Ver­trauen täuscht, bege­ht er einen Treubruch.“

Das Abstellen auf die moralis­che Seite der Treue, die hier durch Ver­trauen bed­ingt wird, fällt auf. Ein paar Jahre früher, im Nach­schlagew­erk Adelung: Gram­ma­tisch-kri­tis­ches Wörter­buch der Hochdeutschen Mundart (1793 Bd. 4, Seite 673) wird neben dieser Bedeu­tungsebene die Ref­erenz auf mimetis­che Kün­ste als Abbil­dungs­for­men aufge­führt:

„Die Treue, das Abstrac­tum des vorigen Wortes. 1. Die Eigen­schaft ein­er Sache, nach welch­er sie der Wahrheit völ­lig gemäß ist. Die Treue eines Gemähldes, ein­er Abschrift. Noch häu­figer ist es die Eigen­schaft oder Fer­tigkeit ein­er Per­son, da sie sich der Wahrheit mit Anwen­dung aller Kräfte zu befleißi­gen sucht; doch auch nur in eini­gen Fällen. Die Treue eines Mahlers, eines Geschichtschreibers.“

Treue hat also in bei­den Ein­trä­gen eine starke moralis­che Bedeu­tungskom­po­nente. Zunächst im Bere­ich des Zwis­chen­men­schlichen. Parade­beispiel des treuen Fre­un­des ist der in Schillers Bürgschaft besun­gene Damon – die Hand­lung dürfte hin­länglich bekan­nt sein. In Liebes­beziehun­gen wird Treue hochge­hal­ten (auch so ein Prob­lem, aber darum soll es hier nicht gehen) ent­ge­gen lüster­nen Ver­suchun­gen (d. h. den Teufel). Diese moralis­che Kom­po­nente reicht allerd­ings auch in den Bere­ich der mimetis­chen Abbil­dung, den der Begriff abdeckt, hinein: Eine „getreue“ Darstel­lung ver­sucht, der Natur (d. h. der Schöp­fung) so nah wie möglich zu kom­men. Treue ist also ver­bun­den mit einem Streben, das im guten christlichen Sinne ein dienen­des ist – die gute Christin ist eine getreue Diener­in Jesu, die gute christliche Kün­st­lerin sucht Gottes Natur so treu wie möglich abzu­bilden. Treue ist eine Hal­tung, die sich verneigt vor etwas Unerr­e­ich­barem, etwas Göt­tlichem.

Kün­st­lerin­nen und auch Autorin­nen haben sich in den let­zten paar Jahrhun­derten von dieser dienen­den Hal­tung weit­ge­hend befre­it bzw. die Autorität, vor der sich verneigt wird, erset­zt. Der lit­er­arische Real­is­mus erschafft – neben den vie­len anderen lit­er­arischen Gen­res, denen die Poiesis schon viel früher zuge­traut wurde – mit­tler­weile unbe­strit­ten seine eige­nen Wel­ten, die in ein­er mehr oder weniger engen Beziehung zur Wirk­lichkeit ste­hen. Die Uni­versen der Kun­st kom­men­tieren die Wirk­lichkeit und erschaf­fen alter­na­tive Szenar­ien mit eige­nen Regeln. Heutzu­tage wird sich nur mehr vor der Natur verneigt, vor der Sprache, vor dem Uni­ver­sum, oder vor bes­timmten Men­schen oder Fig­uren und ihren Hal­tun­gen, Fähigkeit­en oder ihrer Kraft. Nur beim Über­set­zen hält sich dieser Atavis­mus von einem Begriff bis heute. Goethes „hal­b­ver­schleierte Schöne“, die „eine unwider­stehliche Nei­gung nach dem Orig­i­nal [erregt]“ ist die gle­iche ver­führerische Kraft, die Part­ner­in oder Part­ner dazu ver­führt, fremdzuge­hen. Und die Über­set­zerin ist die Kup­p­lerin, die diese unmoralis­che Lust weckt.

Wir Über­set­zerin­nen kön­nen mit dem Treue­be­griff nichts gewin­nen. Er ist essen­tial­is­tisch, moral­is­tisch und er macht uns zu Puffmüt­tern oder gar zu Pros­ti­tu­ierten. Treue mag in Fre­und­schaften oder Geschäfts­beziehun­gen ihren Raum find­en, doch ziehe ich zumin­d­est in Let­zteren ehrlich gesagt einen ordentlichen Ver­trag mit juris­tis­chen Verpflich­tun­gen der rein moralis­chen Verpflich­tung um ein Vielfach­es vor.

Nach all den „Turns“ in den Kul­tur- und Lit­er­atur­wis­senschaften sollte man meinen, so ein archaisch-atavis­tis­ches Konzept habe sich allmäh­lich tot­ge­laufen. Doch nein, wenn es ums Über­set­zen geht, wim­melt es plöt­zlich wieder vor gottes­fürchti­gen Essen­tial­istin­nen, die sich um keinen Preis ver­führen lassen wollen. Schade eigentlich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.