Von Spuckefäden und Panzernashörnern

Das neue Jahr ist soeben angebrochen, ein Anlass, um auch bei meiner Kolumne die Segel neu zu hissen. Noch bin ich beflügelt vom etwas irrationalen und willkürlichen Optimismus der neuen Jahreszahl und daher möchte ich diesmal konstruktiv ein paar schöne Bilder für das Sprechen über die Tätigkeit des Übersetzens vorschlagen. Selbstredend ist es eine sehr individuelle Auswahl aus der unerschöpflichen Schatzkiste Sprache bzw. Literatur, die ich über die Jahre angesammelt habe. Man mag sie passend finden oder nicht.

Erst einmal möchte ich einige Passagen aus einem Gedicht zitieren. Es stammt von der argentinischen Lyrikerin Tamara Kameszain und wurde übersetzt von Petra Stein. Hier wird das Übersetzen von Sprache zu Sprache zum Speichelfaden, der Akt des Übersetzens zum Kuss. Im Spanischen findet ein Spiel mit dem Wort lengua statt, das sowohl Zunge als auch Sprache bedeutet. Es mag widersprüchlich anmuten, dass ich nach meiner letzten Kolumne nun selbst mit einem erotischen Bild daherkomme, doch ist in meinen Augen das relevant, was dem Bild zugrunde liegt. Nicht die Erotik per se ist ungut, es ist vielmehr der Schmuddel, der ihr anhaftet, wenn von Übersetzerinnen als Verräterinnen oder gar Kupplerinnen die Rede ist (generisches Femininum, wie immer). Im Spanischen heißt es also:

Por el hilo de saliva el idioma
de uno en la lengua del otro se
traduce. (Para el cultivo afecto es
lluvia y dentro de ese invernadero
empapándose crece la pareja.)

Und in der Übersetzung:

Von der Sprache Speichelfaden
des einen in des andren Sprache
man übersetzt. (Fürs Kultivieren der Liebe
ist’s Regen und in diesem Wintergarten
wächst sich bewässernd das Paar.)

Was mir in diesem Gedicht besonders gefällt, ist (vor allem im Spanischen) die Unschärfe zwischen abstrakter und konkreter Ebene, das Schillern, die Ungewissheit, ob nun Sprache oder Zunge, ob das Paar einander mit den Zungen bespeichelt und die Liebe damit nährt oder ob es doch um eine Pflanze im Gewächshaus geht – oder beides. Beim Übersetzen hat sich die Kollegin dafür entschieden, das Bild eindeutiger zu machen – gerade bei Lyrik sind diese Art Herausforderungen schier unüberwindlich (vgl. dazu die Kolumne von Ethel Barja). Das Bild eines Kusses ist natürlich ganz ohne Kontext ziemlich kitschig. Und wenn es nicht in dieser Form auftauchen würde, hätte ich wahrscheinlich auch etwas dagegen einzuwenden. Aber dieses Gedicht balanciert derart schön auf dem Grat zwischen Kitsch und Weisheit, bevor es dann im zweiten Teil doch wieder in Klischees abrutscht. Doch das macht den ersten Teil umso großartiger.

Für mein Lieblingsbild muss ich etwas ausholen. Vielleicht steige ich mit meinem eigenen Logo ein, das auf meiner Visitenkarte zu finden ist: Ein Nashorn. Das schon oft Aufhänger zu einem guten Gespräch gewesen ist, zumal ich je nachdem verschiedene Geschichten dazu parat habe. Einmal ist da Dürers Rhinocerus, dem ein Panzernashorn, das 1515 von Indien nach Lissabon gelangte, Modell stand. Diesem Tier wurde neben der berühmten Graphik Dürers ein kleines Denkmal in Form eines Wasserspeiers am Torre de Belém in Lissabon gesetzt, was mich dann zu meiner Arbeitssprache Portugiesisch bringt und zur kolonialen Vergangenheit des Landes und so weiter. Die wahrere Geschichte ist aber eine andere. Als Kind hatte ich ein paar Schallplatten, darunter die Kindergeschichten von Peter Bichsel. Wer das Buch kennt, weiß bestimmt, um welchen Text es geht: Der Mann, der nichts mehr wissen wollte. Wie häufig bei Bichsel beschließt seine Figur eines Tages aus keinem ersichtlichen Anlass, ihr Leben radikal zu ändern. Hier möchte der Mann plötzlich alles vergessen, sich vor allen Eindrücken abschirmen und aufhören, etwas zu wissen. Immer wieder wird von einer Erzählstimme der Satz eingeworfen „Das ist schnell gesagt“, der das Scheitern dieses abstrusen Vorhabens bereits auf den ersten Seiten ankündigt. Auch die Reaktionen der Außenwelt werden immer wieder nur angedeutet („Und die Leute kamen nicht mehr zu Besuch.“), was mir als Kind kaum auffiel, später bei der Wiederentdeckung des Textes dafür umso härter wirkte. Letztlich reißt die Frau des Protagonisten ihn aus seiner Obsession, indem sie pragmatisch darauf hinweist, er wisse gar nicht alles und um alles vergessen zu können, müsse er doch erst einmal alles wissen. Und der Mann beginnt – genauso obsessiv wie zuvor – alles zu lernen. Er lernt Sprachen (Chinesisch), er sammelt Wissen über die Natur, die Pflanzen und Tiere und im Zuge dieser zoologischen Studien kauft er ein Buch über das Panzernashorn:

Und das Panzernashorn fand er schön.
Er ging in den Zoo und fand es da, und es stand in einem großen Gehege und bewegte sich nicht.
Und der Mann sah genau, wie das Panzernashorn versuchte zu denken und versuchte, etwas zu wissen, und er sah, wie sehr ihm das Mühe machte.
Und jedesmal, wenn dem Panzernashorn etwas einfiel, rannte es los vor Freude, drehte zwei, drei Runden im Gehege und vergaß dabei, was ihm eingefallen war, und blieb dann lange stehen – eine Stunde, zwei Stunden – und rannte, wenn es ihm einfiel, wieder los.
Und weil es immer ein kleines bißchen zu früh losrannte, fiel ihm eigentlich gar nichts ein.
„Ein Panzernashorn möchte ich sein“, sagte der Mann, „aber dazu ist es jetzt wohl zu spät.“

Was das mit dem Übersetzen zu tun hat? Das Panzernashorn ist kraftvoll und fragil zugleich. Bei Dürer wirkt es fast wie aus einer anderen Galaxie. Es ist ein großer Pflanzenfresser ohne natürliche Feinde und doch ist es vom Aussterben bedroht. Es lässt sich nicht dressieren, im Gegensatz zu seinen Verwandten, den Elefanten. Und es schubst den Protagonisten dieser Geschichte aus einer destruktiven Obsession in eine konstruktive. Das Bild des Nashorns, wie es da steht und versucht, etwas zu wissen, nur um Sekundenbruchteile zu früh loszupreschen, und am Ende notwendig zu scheitern und nie etwas zu wissen, scheint mir eine ganz wunderbare Metapher. Vielleicht sogar für die menschliche Existenz, den ewigen Versuch, etwas zu wissen, das Streben nach Perfektion, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. Das klingt jetzt erst einmal negativ. Aber mir bringt der Gedanke große Erleichterung und Entspannung. Und in dieser Gewissheit, nichts zu wissen, kann ich sehr produktiv und kreativ sein und gut übersetzen.

Für das Übersetzen gibt mir das Nashorn die Kraft, durchzuhalten und regelmäßig ein bisschen zu früh loszurennen, nur um wieder lange nachzudenken und wieder loszurennen und dabei immer wieder zu vergessen. Es gibt mir Gelassenheit, im Umgang mit eigenen und fremden Unzulänglichkeiten. Es lehrt mich, dass das Vergessen eine Kunst ist. Gleichzeitig dient der Spuckefaden aus Tamara Kameszains Gedicht als Verbindungskabel zur Erotik von Sprache und der Lust am Übersetzen. Wahrscheinlich brauchen wir Übersetzerinnen beides, einen harten Panzer wie das Nashorn und den flüssigen, Fäden ziehenden Speichel verschiedener Sprachen.

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