Von Repräsentation und Realität

Dieser Tage taucht ver­mehrt ein deutsches Wis­senschafts­gremi­um in den Medi­en auf: die Nationale Akademie der Wis­senschaften Leopold­ina. Erst ein­mal hat das nicht so viel mit dem Über­set­zen zu tun, aber es wird im Lauf des Textes klar wer­den, was es hier soll – ver­sprochen.

Die Leopold­ina also ist „die älteste natur­wis­senschaftlich-medi­zinis­che Gelehrtenge­sellschaft im deutschsprachi­gen Raum und die älteste dauer­haft existierende natur­forschende Akademie der Welt“, lerne ich von der entsprechen­den Wikipedia-Seite. Sie wurde bere­its 1652 in Schwe­in­furt gegrün­det und ihre Auf­gabe beste­ht darin, „unab­hängig von wirtschaftlichen oder poli­tis­chen Inter­essen wichtige gesellschaftliche Zukun­ft­s­the­men wis­senschaftlich [zu bear­beit­en], die Ergeb­nisse der Poli­tik und Öffentlichkeit [zu ver­mit­teln] und diese The­men nationale wie inter­na­tion­al [zu vertreten].“ Das Gremi­um berät die Poli­tik derzeit in Sachen Umgang mit der Coro­na-Pan­demie und erhebt dabei Anspruch auf Wis­senschaftlichkeit, Repräsen­ta­tiv­ität und Unab­hängigkeit. Die Leopold­ina beste­ht aus 27 Sek­tio­nen mit je einem gewählten Vor­sitzen­den (das nicht-wirk­lich-gener­ische Maskulinum ist hier bewusst gewählt), welche fol­gende Diszi­plinen vertreten:

Math­e­matik; Infor­ma­tion­swis­senschaften; Physik; Chemie; Geowis­senschaften; Agrar- und Ernährungswis­senschaften; Organ­is­che und Evo­lu­tionäre Biolo­gie; Genetik/Molekularbiologie und Zell­bi­olo­gie; Bio­chemie und Bio­physik; Anatomie und Anthro­polo­gie; Patholo­gie und Rechtsmedi­zin; Mikro­bi­olo­gie und Immunolo­gie; Human­genetik und Moleku­lare Medi­zin; Phys­i­olo­gie und Pharmakologie/Toxikolgie; Innere Medi­zin und Der­ma­tolo­gie; Chirurgie, Orthopädie und Anäs­the­si­olo­gie; Gynäkolo­gie und Pädi­a­trie; Neu­rowis­senschaften; Oph­thal­molo­gie, Oto-Rhi­no-Laryn­golo­gie und Stom­a­tolo­gie; Radi­olo­gie; Vet­er­inärmedi­zin; Wis­senschafts- und Medi­zingeschichte; Wis­senschaft­s­the­o­rie; Ökonomik und Empirische Sozial­wis­senschaften; Psy­cholo­gie und Kog­ni­tion­swis­senschaften; Tech­nikwis­senschaften; Kul­tur­wis­senschaften (Quelle: leopoldina.org).

Unter den 27 Sek­tion­sleitun­gen sind – man lese und staune – immer­hin drei Frauen, Prof. Dr. Bar­bara Wol­len­berg ver­tritt die Augen- und HNO-ärt­zliche Sek­tion, Prof. Dr. Annette Grüters-Kies­lich die gynäkol­o­gis­che und Prof. Dr. Brigitte Voll­mar Chirurgie, Orthopädie und Anäs­the­si­olo­gie. (In der konkreten Arbeits­gruppe, die derzeit die Bun­desregierung berät, find­en sich übri­gens zwei Frauen und 24 Män­ner.) Vielle­icht lässt sich der lächer­liche Frauenan­teil (von Geis­teswis­senschaften ganz zu schweigen) von 11,11% bei den Sek­tio­nen daraus erk­lären, dass die gesamte europäis­che Wis­senschafts­geschichte von Män­nern geschrieben oder zumin­d­est von Män­nern über­liefert wurde. Vielle­icht hat es mit den Freimau­r­ern und andern Logen zu tun, die tra­di­tionell exk­lu­siv männlich waren. Vielle­icht ist es ein selb­stver­stärk­endes Sys­tem, zumal die Natur­wis­senschaften „schon immer“ männlich dominiert waren. Dass es allerd­ings in den Professor(inn)enriegen der Geis­teswis­senschaften nur gradu­ell gle­ich­berechtigter aussieht, kann man leicht her­aus­find­en. Der Frauenan­teil lag 2017 auch in den Geis­teswis­senschaften unter 40%. Das aber nur zur Anschau­ung – gerne über­lasse ich die genauen Unter­suchun­gen der Gen­der-Forschung. Eben­so die Frage nach der Repräsen­ta­tion nicht-binär­er Men­schen.

Nun aber zum eigentlichen The­ma und Fachge­bi­et, dem Über­set­zen! Laut den ver­streuten Angaben von BDÜ und VdÜ komme ich auf einen Frauenan­teil inner­halb der Über­set­zungs­branche von irgend­was zwis­chen 70 und 85% ins­ge­samt. Das kor­re­spondiert dur­chaus mit dem Frauenan­teil von 85% im Über­set­zungsstudi­um, zumal Über­set­zer und Über­set­zerin­nen ja auch aus Lit­er­atur­wis­senschaft und anderen Geis­teswis­senschaften kom­men. Im Fol­gen­den gehe ich von 75% Frauenan­teil unter Lit­er­aturüber­set­zerin­nen aus, um eine konkrete Basis für meine Über­legun­gen zu haben.

Unter Über­set­zerin­nen gibt es, soweit ich weiß, kein Gremi­um, das die Bun­desregierun­gen in schwieri­gen Fra­gen berat­en würde (obwohl das vielle­icht hin und wieder gar keine schlechte Idee wäre). Aber erst kür­zlich wurde wieder ein­mal ein sehr renom­miert­er Über­set­zer­preis neb­st Nach­wuch­spreis an zwei Män­ner ver­liehen. Die Ver­di­en­ste dieser und aller früheren Preisträger möchte ich hier nicht in Abrede stellen – im Gegen­teil, die Preise sind mehr als ver­di­ent! –, aber angesichts des ins­ge­samt über­aus hohen Frauenan­teils in der Branche macht die Auswahl doch stutzig.

Und da bin ich nicht die Erste, der das auf­fällt. Siehe hierzu den Beitrag der Kol­le­gin Sven­ja Beck­er in der Zeitschrift Über­set­zen, Aus­gabe 2/2018, Juli bis Dezem­ber. Beck­er konzen­tri­ert sich hier auf den Wieland-Preis und den Braem-Preis. Und ich habe all das ein­mal zum Anlass genom­men, mir eine kleine Auswahl an Über­set­zerin­nen­preisen bzw. eher Über­set­zer­preisen näher anzuschauen. Dabei berück­sichtige ich nur Preise für Über­set­zun­gen aus allen Sprachen ins Deutsche und nur Haupt­preise – keine Nach­wuch­spreise – im Zeitraum von 2012 bis 2020 (noch ausste­hende Ver­lei­hun­gen dieses Jahr vor­be­hal­ten).

Das ergibt fol­gen­des Bild: Bei dem „Brücke Berlin“ Über­set­zer­preis, beim Helen-und-Kurt-Wolff-Über­set­zer­preis, beim Christoph-Mar­tin-Wieland-Preis und beim Strae­len­er Über­set­zer­preis ste­ht es im genan­nten Zeitraum 50:50. Den Helmut‑M.-Braem-Übersetzerpreis erhiel­ten seit 2012 nur Män­ner. Beim Europäis­chen Über­set­zer­preis Offen­burg ist in den ver­gan­genen 8 Jahren immer­hin eine Frau neben drei männlichen Preisträgern (neben den männlichen Juroren und Lauda­toren übri­gens auch). Den öster­re­ichis­chen Staat­spreis für lit­er­arische Über­set­zun­gen erhiel­ten in den ver­gan­genen acht Jahren drei Frauen und fünf Män­ner, die Ver­lei­hung 2020 ste­ht noch aus. Einzig aus der Rei­he tanzt der Inter­na­tionale Lit­er­atur­preis – Haus der Kul­turen der Welt, der jährlich eine Autorin neb­st Über­set­zerin ausze­ich­net (endlich wieder gener­isches Fem­i­ninum!). Hier wur­den mit ein­er Aus­nahme seit 2012 auss­chließlich Über­set­zerin­nen aus­geze­ich­net. Zulet­zt Angel­i­ca Ammar für Sai­son der Wirbel­stürme (Tem­po­ra­da de hura­canes) von Fer­nan­da Mel­chor.

Ich kön­nte jet­zt an der Stelle weit­er­ma­chen, wo Sven­ja Beck­er aufge­hört hat, das möchte ich aber nicht. Denn erstens bin ich keine Gen­der-Wis­senschaft­lerin und zweit­ens halte ich es für ten­den­ziell müßig, Missstände erk­lären und dabei vielle­icht sog­ar recht­fer­ti­gen zu wollen. In meinen Augen ist mehr als deut­lich: Wenn in ein­er Branche, die zu min­destens 75% aus Frauen beste­ht, nicht ein­mal die Hälfte der Ausze­ich­nun­gen an Frauen ver­liehen wird, dann stimmt etwas nicht. Zu unter­suchen, was genau nicht stimmt und welche kul­turellen und gesellschaftlichen Dynamiken und Struk­turen da am Werk sind, über­lasse ich kundi­gen Forscherin­nen. Ver­wiesen sei an dieser Stelle auf die Pilot­studie zur Sicht­barkeit von Frauen in Medi­en und Lit­er­aturbe­trieb „Frauen zählen“.

Lieber schaue ich mir an, was das HKW offen­bar richtig macht. Hier liegt der Frauenan­teil seit 2012 bei 80%, was die angenomme­nen 75% Frauen im Über­set­zungs­beruf gut abbildet. Auf der Inter­net­seite heißt es über den Lit­er­atur- und Über­set­zung­spreis:

„Der Inter­na­tionale Lit­er­atur­preis rückt weltweite Gegen­wart­slit­er­a­turen als Prak­tiken und Prozesse in den Fokus. Zu welchen For­men find­et zeit­genös­sis­ches Erzählen? Welche Vervielfäl­ti­gun­gen und Rela­tio­nen von Tex­ten und Wirk­lichkeit­en bringt das Über­set­zen in Gang? Unter welchen Bedin­gun­gen wird imag­iniert und gedacht, geschrieben, über­set­zt, veröf­fentlicht und gele­sen? Wie bear­beit­et der Gegen­wart­s­text die Kom­plex­itäten und Ver­w­er­fun­gen, mit denen mobile und sich unabläs­sig selb­st beobach­t­ende Gesellschaften kon­fron­tiert sind? Wer schreibt den Text, in dem die Welt zuge­gen ist?“

Hier geht es nicht um den mono­lithis­chen Wel­terk­lärung­s­text neb­st entsprechen­der Autorität, son­dern um Rela­tio­nen, Vielfalt, Wirk­lichkeits­ge­flechte, Her­stel­lungs­be­din­gun­gen und Kom­plex­itäten. Die Jury lässt sich nicht schreck­en von Über­forderung, son­dern inspiri­eren. Und der Preis ist eng ver­flocht­en mit der über­aus bun­ten freien Lit­er­aturszene Berlins. Die inter­na­tionale Jury beste­ht aus Jour­nal­istin­nen, Schrift­stel­lerin­nen, Ver­legerin­nen, Lit­er­at­ura­gentin­nen und einem Kom­para­tis­tik-Pro­fes­sor (die Fem­i­ni­na sind hier gener­isch zu ver­ste­hen, das Maskulinum augen­zwinkernd).

Vielle­icht ist das ein Ansatz, von dem sich andere Auswahlgremien für Preisjurys und über­haupt alle entschei­dungstra­gen­den Gremien inspiri­eren lassen kön­nten: Eine diverse Jury wird diversere Texte auswählen als eine homo­gene. Ein divers­es Wis­senschafts­gremi­um wird die Belange Viel­er in den Blick nehmen, anstatt nur der­jeni­gen, die das Gremi­um mehrheitlich repräsen­tiert. Vielfalt bringt Vielfalt her­vor. Und ger­ade in Zeit­en wie diesen brauchen wir diverse Denkan­sätze jen­seits eines „tra­di­tionellen Main­streams“, der neuen Ideen prinzip­iell skep­tisch gegenüber­ste­ht.

1 Comment

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  1. 1
    Ulrike Blatter

    Ich habe diesen Text ger­ade eben meinem Mann vorge­le­sen und er schlägt als Erst­maß­nahme spon­tan die Quote vor. Jeden Preis grund­sät­zlich par­itätitätisch teilen. Fifty-fifty ein Mann, eine Frau. Auch das würde Diskus­sio­nen geben, aber schon kurzfristig wür­den sich Sichtweisen ändern, da Frauen auf ein­mal sicht­bar­er wer­den. Ich bin Schrift­stel­lerin und er ist es ein­fach leid, dass wir immer wieder mal seinen Namen als männlich­es Pseu­do­nym für mich disku­tieren 😜 (Ironie off)

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