Vom Selbstverständnis her Künstlerin

Zum Beruf­sall­t­ag ein­er Lit­er­aturüber­set­zerin (gener­isches Fem­i­ninum, männliche Per­so­n­en sind jew­eils aus­drück­lich mit­ge­meint) gehört es auch, die über­set­zten Büch­er zu präsen­tieren. Häu­fig geschieht dies in Anwe­sen­heit der Autorin, dann tritt die Über­set­zerin meist in den Hin­ter­grund und verkommt – wie im let­zten Beitrag erwäh­nt – zum bloßen Sprachrohr. Oft wird bei solchen Gele­gen­heit­en auch erwartet, dass Über­set­zerin­nen dol­metschen, was von Branchen­frem­den gern in einen Topf gewor­fen wird (dabei han­delt es sich um zwei doch recht ver­schiedene Beruf­szweige, auf die zwei doch recht ver­schiedene Stu­di­engänge vor­bere­it­en). So war es tat­säch­lich ein Glücks­fall, dass bei der let­zten Buchvorstel­lung, die ich mit­gestal­ten durfte, der Autor in let­zter Minute abge­sagt hat. So saßen die drei Frauen auf der Bühne, ohne die das Buch nicht ent­standen wäre: Die Ver­legerin, die Illus­tra­torin und ich, die Über­set­zerin.

Im Laufe des Gesprächs wurde immer wieder deut­lich, wie viele Entschei­dun­gen in der Tätigkeit dieser drei Beruf­s­grup­pen getrof­fen wer­den, bevor so ein Buch in sein­er Mate­ri­al­ität vor­liegt. Die Ver­legerin bzw. Lek­torin entschei­det, ob sie einen Text ins Pro­gramm nimmt, ob das Buch ein- oder zweis­prachig wird, sie führt mit der Über­set­zerin den Lek­torat­sprozess durch, sie wählt die Illus­tra­torin und ggf. die einzel­nen Bilder aus, die ins Buch kom­men, sie arbeit­et mit der Lay­outerin das äußere Erschei­n­ungs­bild des Buch­es aus und so weit­er und so fort. Die Illus­tra­torin entschei­det, welche Texte sie mit Bildern verse­hen möchte und – was vielle­icht noch wichtiger ist – sie entschei­det sich für eine Illus­tra­tionsstrate­gie. Das heißt, wie sehr heftet sie sich an die im Text evozierten Bilder, wie weit ent­fer­nt sie sich davon? Wie sehr bringt sie ihre eigene kün­st­lerische Agen­da in das Buch ein? Wie sehr weicht ihr deutsch­er Blick vom Blick des mexikanis­chen Autors ab? Wie sehr tritt sie in Dia­log, anstatt nur zu repro­duzieren?

Und hier zeigt sich, dass die Tätigkeit­en von Illus­tra­torin­nen und Über­set­zerin­nen einige zen­trale Par­al­le­len aufweisen. Doch beste­hen auch essen­zielle Unter­schiede, denn, wie sich bei jen­er Lesung zeigte, fiel es dem Pub­likum sehr leicht, die Inter­pre­ta­tio­nen der Kün­st­lerin (!) als ein In-Dia­log-Treten mit dem Text (den sie, ganz neben­bei, nur in der über­set­zten Ver­sion lesen kon­nte), zu ver­ste­hen. Es fiel dem Pub­likum leicht, zu akzep­tieren, dass sich nicht alle Bilder, nicht alle dargestell­ten Fig­uren in gle­ich­er Weise im Text find­en, es wurde akzep­tiert, dass ein Bild nicht das­selbe ist wie ein Text und dass erst das Zusam­men­spiel der bei­den medi­alen Aus­drucks­for­men das Buch als Ganzes ergibt. Kurz, dass die Illus­tra­torin sich nicht sklavisch am Text ori­en­tiert hat, war völ­lig in Ord­nung.

Und wie ver­hielt es sich mit der Über­set­zerin? Dass das Über­set­zen aus Entschei­dun­gen beste­ht, dürfte hin­länglich bekan­nt sein. In der all­ge­meinen Wahrnehmung scheint aber die Tat­sache, dass diese Entschei­dun­gen getrof­fen wer­den müssen, und zwar von ein­er Per­son, häu­fig in Vergessen­heit zu ger­at­en oder gar nicht erst aufzu­tauchen. Mich über­rascht es immer wieder, wie wenige Gedanken sich Leserin­nen über die Ver­fassheit als Über­set­zung, wenn man so will die Über­set­ztheit des Buch­es machen, das sie in den Hän­den hal­ten.

Nach einem späteren Gespräch mit einem Illus­tra­tor wurde mir bewusst, dass die Illus­tra­torin des oben genan­nten Buchs von sich selb­st nur als Kün­st­lerin gesprochen hat­te und von der Ver­legerin eben­falls als Kün­st­lerin vorgestellt wor­den war. Im Gespräch mit jen­em zweit­en Kün­stler bzw. Illus­tra­tor stellte ich expliz­it die Frage, wie denn die Posi­tion von Illus­tra­torin­nen im Ver­lagswe­sen sei, inwieweit sie sich von sein­er unter­schei­de und ob wom­öglich ein Ver­gle­ich mit der Über­set­zungstätigkeit möglich sei. Er erk­lärte mir, er sei von der Aus­bil­dung her Kün­stler und sei Ver­la­gen gegenüber immer als solch­er aufge­treten. Büch­er, die er illus­tri­eren wollte, habe er im Vorhinein fer­tiggestellt und als Gesamtwerk vorgelegt und das habe für ihn stets funk­tion­iert. Von Kol­legin­nen, deren Werde­gang eher der ein­er Illus­tra­torin war, sei ihm allerd­ings stets von solch einem selb­st­be­wussten Auftreten abger­at­en wor­den. Illus­tra­torin­nen werde ver­mit­telt, man befinde sich in ein­er Bittsteller-Posi­tion und müsse es den Ver­la­gen recht machen, um über­haupt wahrgenom­men zu wer­den.

Das mag nun eini­gen Kol­legin­nen nur allzu bekan­nt vorkom­men. Wer hat nicht zu Beginn der Lauf­bahn als Lit­er­aturüber­set­zerin voll Enthu­si­as­mus Tage und Wochen in ein wun­der­schönes Exposé versenkt, nur um von allen angeschriebe­nen Ver­lagshäusern entwed­er gar keine Rück­mel­dung oder eine Absage zu bekom­men? Wer hat nicht bei Hierony­mus oder bei einem anderen Über­set­zerin­nensem­i­nar voll Begeis­terung an einem wun­der­baren Text gear­beit­et, nur um ihn später zu den anderen wun­der­baren Pro­jek­ten in die Schublade zu leg­en und ver­stauben zu lassen?

Im Gegen­satz zu den Kün­st­lerin­nen würde ich nicht dafür plädieren, Über­set­zun­gen voll­ständig fer­tigzustellen, bevor wir sie Ver­legerin­nen oder Lek­torin­nen vor­legen. Aber von dem Selb­stver­ständ­nis ein­er Kün­st­lerin kön­nen wir Über­set­zerin­nen uns dur­chaus eine fette Scheibe abschnei­den.

Zurück zur Lesungssi­t­u­a­tion. Während ich mir also all diese Gedanken im Stillen machte, entwick­elte sich das Gespräch auf der Bühne weit­er und ich hat­te Gele­gen­heit, die Aufmerk­samkeit des Pub­likums zu nutzen, um darauf hinzuweisen, dass Über­set­zerin­nen doch wirk­lich Urhe­berin­nen sind, dass das Über­set­zen aus Tausenden von Entschei­dun­gen beste­ht (und sich deswe­gen ver­schiedene Über­set­zun­gen des­sel­ben Textes fun­da­men­tal unter­schei­den kön­nen) und so weit­er. Spätestens aber, als ich von der Men­schen­fress­er-Meta­pher anf­ing, hat­te ich die Aufmerk­samkeit des Saals.

Vielle­icht ist es so, dass man eine „Marke“ etablieren muss, um wahrgenom­men zu wer­den (auch wenn mich diese Mark­to­ri­en­tierung ziem­lich ekelt). Auch wenn es nur ein bil­liger Schock­ef­fekt ist, ging die Strate­gie in diesem Fall doch auf. Denn nach der Lesung wurde ich von eini­gen Per­so­n­en aus dem Pub­likum ange­sprochen, die sich für den Denkanstoß bedank­ten und ver­sicherten, sie hät­ten zuvor nie in dieser Weise über das Über­set­zen nachgedacht.

Es gibt sicher­lich unendlich viele Strate­gien, um aus der Unsicht­barkeit in die Welt und die Wahrnehmung zu treten, die unsere Zun­ft ver­di­ent. Aber die wenig­sten Über­set­zerin­nen – so meine Erfahrung – denken aktiv darüber nach, was sie ganz konkret in diese Rich­tung beitra­gen kön­nen.

Ein wichtiger Schritt beste­ht gewiss bere­its darin, dass wir uns in ver­schiede­nen Medi­en zu Wort melden und darauf beste­hen, wenig­stens genan­nt zu wer­den (#name­thetrans­la­tor). Aber aus mein­er Sicht ist da noch eine Menge Luft nach oben.

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