Sprache ist kein Fettgewebe

Wie wir über das Über­set­zen sprechen, hat einen Ein­fluss darauf, wie wir diejeni­gen, die es betreiben, (nicht) wahrnehmen. In dieser Kolumne nehme ich mir ein­er­seits gängige Über­set­zungsmeta­phern vor. Ander­er­seits habe ich das Glück, auf die Vorar­beit des geschätzten Kol­le­gen Frank Heib­ert zurück­greifen zu kön­nen, dessen Antrittsrede zur Schlegel-Pro­fes­sur 2016 unter dem Titel „Let’s get loud“ genau dies zum The­ma hat­te. Mir geht es darum, wie diese Bilder dazu beitra­gen, Über­set­zerin­nen (gener­isches Fem­i­ninum, wie gewohnt) unsicht­bar zu machen, in den Schat­ten mächtiger Brück­en zu stellen oder zur Ver­rä­terin abzustem­peln. Und vor allem geht es darum, sprach­liche und the­o­retis­che Möglichkeit­en aufzu­tun, wie wir Über­set­zerin­nen unsere Tätigkeit als eine kreative sicht­bar machen kön­nen.

Von Flüssen und Brück­en

Was Frank Heib­ert als „Trans­port­meta­phern“ zusam­menge­fasst hat, lässt sich recht rasch und recht ein­deutig als auf dem Glauben an ein Etwas basierend, das es zu bewahren gilt, ent­lar­ven. Über­set­zerin­nen wer­den zum Gefäß, das eine Essenz heil über eine Sprach­bar­riere zu brin­gen hat. Eine aktive oder gar kreative Rolle ist das nicht.

Treue, Frei­heit und Ver­rat

In den „Beziehungsmeta­phern“ sieht Heib­ert das Über­set­zen als mehr oder min­der dys­funk­tionale Liebes­beziehung ver­standen. Es gilt, dem Aus­gang­s­text oder sein­er Autorin treu zu sein, die Bal­ance zwis­chen Frei­heit und Bindung zu find­en, um nicht zur Ver­rä­terin zu wer­den. Nun. Das erin­nert allzu stark an Goethes „geschäftige Kup­pler […], die uns eine halb ver­schleierte Schöne als höchst liebenswürdig anpreisen: Sie erre­gen eine unwider­stehliche Nei­gung nach dem Orig­i­nal.“ Diese Schmud­d­elecke der Über­set­zungsmeta­phern beruht eben­falls auf einem hermeneutis­chen Ver­ständ­nis vom Über­set­zen mit starkem Fokus auf der Autorin des Aus­gang­s­texts und der Alter­na­tive anzueignen oder zu ver­frem­den.

In Ket­ten tanzen

Die Gruppe der „per­for­ma­tiv­en Meta­phern“ sieht Frank Heib­ert als nicht beson­ders frucht­bar an. Zugegeben, der vielfach zitierte „Tanz in Ket­ten“ ruft eher Bilder ver­gan­gener Zirkus­gräuel auf, als an die alltägliche Tätigkeit zu erin­nern. Doch ließe sich das Lesen ein­er Par­ti­tur oder die Inter­pre­ta­tion eines Musik­stücks dur­chaus kreativ wen­den. Vielle­icht liegt es daran, dass ich in einem ver­gan­genen Leben fast Musik­erin gewor­den wäre – so oder so möchte ich hier dem geschätzten Kol­le­gen wider­sprechen. Obgle­ich das Einüben eines Musik­stücks und das Über­set­zen eines Textes grundle­gend unter­schiedliche Tätigkeit­en sind, erfordern bei­de eine lange Vorar­beit in Form von Übung und Erwerb von Fähigkeit­en, und am Ende ste­ht ein Ergeb­nis, das öffentlich gemacht wird. Unter Musik­erin­nen ist es zwar auch unwahrschein­lich, zu Ruhm und Anse­hen zu gelan­gen, doch gibt es dur­chaus hochverehrte Welt­stars. Auch wenn die kreative Leis­tung ähn­lich bed­ingt ist wie beim Über­set­zen. Auch wenn ich Heldin­nen­verehrung nicht für uneingeschränkt erstrebenswert halte, wäre eine im Ram­p­en­licht ste­hende Über­set­zerin im Rah­men der „Noten­lesemeta­pher“ dur­chaus vorstell­bar.

Durchs Schlüs­sel­loch in eine andere Welt

Heib­erts „visuelle Meta­phern“ spie­len mit Licht und dem Sehsinn. Dem zugrunde liegt meist die Annahme, Über­set­zerin­nen müssten sich die Per­spek­tive der Autorin aneignen, wiederum ein Hin­der­nis über­winden (durch ein Schlüs­sel­loch blick­en, Licht ins Dunkel brin­gen usf.), um let­ztlich „das, was die Autorin sagen wollte“ in der eige­nen Sprache auszu­drück­en. Auch diese Meta­phern schmeck­en sehr stark nach Essen­tial­is­mus. Wieder find­et kein­er­lei Inter­pre­ta­tion statt, der Über­set­zung­sprozess ist abso­lut trans­par­ent, wenn sich die Über­set­zerin nur die richtige Brille auf­set­zt und diese regelmäßig putzt. Pro­duk­tiv ist diese Meta­pher nicht.

In den höch­sten Tönen

Die nach Heib­ert angemessene Art, übers Über­set­zen zu sprechen, beruft sich auf den Klang, den Ton­fall eines Textes. Wieder möchte ich dem Kol­le­gen respek­tvoll wider­sprechen. Denn auch diese Meta­pher ist in meinen Augen essen­tial­is­tisch bzw. verken­nt die Real­ität unter­schiedlich­er Sprachen. Denn Sprachen klin­gen unter­schiedlich. Und der „Ton“ ist in meinem Ver­ständ­nis nur ein anderes Wort für „Geist“ oder eben „Essenz“, die hinüber­ge­tra­gen wer­den muss (siehe oben). Mir ist klar, dass hier lit­er­arische Kat­e­gorien gemeint sind, aber die Wort­wahl scheint mir nicht ide­al – denn jede, die ein­mal eine Fremd­sprache erlernt hat, weiß, wie radikal sich phonetis­che Sys­teme voneinan­der unter­schei­den.

Geis­terbeschwörun­gen und magis­che Gegen­stände

Prinzip­iell ließen sich wohl auch Heib­erts „visuelle Meta­phern“ als Beschwörun­gen der Autorin betra­cht­en. Denn vielfach wollen, so meine Beobach­tung, Kri­tik­erin­nen einen fik­tiv­en „Willen der Autorin“ beschwören, dem zu fol­gen sei. Mit der richti­gen Beschwörungs­formel lässt sich dieser ein­fan­gen, auch wenn die Autorin lange ver­stor­ben ist. Durch magis­che Gegen­stände (eine Brille vielle­icht oder einen Schlüs­sel) sei es möglich, einen Text ganz genau so zu über­set­zen, wie ihn die Autorin selb­st in der Ziel­sprache geschrieben hätte.

Selb­st wenn es diese Gegen­stände gäbe, wie lang­weilig wäre dann unsere Arbeit! In meinen Augen ist die kreative Speku­la­tion, das Suchen nach ein­er von vie­len möglichen Inter­pre­ta­tio­nen dieser oder jen­er Textpas­sage fun­da­men­tal und ein Riesenspaß. Jede über­set­zerische Entschei­dung beruht doch auf einem je kleineren oder größeren Anteil Phan­tasterei, und das ist auch gut so. Denn eine Über­set­zung ist eine Über­set­zung ist eine Über­set­zung. Und wer das Orig­i­nal haben will, der muss das Orig­i­nal lesen.

Diäten und Fund­büros

Kür­zlich las ich in einem englis­chsprachi­gen Medi­um von „loss and gain“ beim Über­set­zen. „Lost and found“, das Fund­büro, ist ja schon fast ein Gemein­platz – und in meinem Ver­ständ­nis gar kein schlechter Ansatzpunkt für ein Gespräch übers Über­set­zen, auch wenn die Meta­pher eine gewisse Zufäl­ligkeit sug­geriert. Aber „loss and gain“ war neu. (Prinzip­iell ist es im englis­chsprachi­gen Raum etwas weniger schlecht um die Sicht­barkeit unseres Beruf­s­standes bestellt. Die wirtschaftliche Sit­u­a­tion US-amerikanis­ch­er Über­set­zerin­nen ist dage­gen min­destens eben­so prekär.) Ver­lust und Zunahme also beim Über­set­zen. Und zwar in der Wort­wahl, die für gewöhn­lich im Bere­ich Kör­pergewicht und Finanzen einge­set­zt wird. Obwohl ich inhaltlich an dem Text wenig auszuset­zen hat­te, hat mich diese metapho­rische Kör­per­masse der­art beein­druckt, dass ich sie – zusam­men mit ihren Ver­wandten und Bekan­nten – hier zum The­ma machen musste. Dass sich auch Gewichtsver­hält­nisse bei einem Trans­for­ma­tion­sprozess ändern, leuchtet ein. Aber wie genau funk­tion­iert diese Meta­pher? Was ist daran so selt­sam? Der Rekurs auf Kör­pergewicht macht die mehr oder min­der geduldige Arbeits­masse Sprache, mit der wir operieren, zu einem lebendi­gen Organ­is­mus. Der Text wird Kör­p­er. tex­tum wird Fettgewebe, Muskel­masse und kehrt so zurück zu den lateinis­chen Wurzeln. Aber die zu- und abnehmenden Kör­p­er sind eben geschriebene Worte. Und fak­tisch nicht lebendig. Der lebende Organ­is­mus bin ich. Und dieser Organ­is­mus ver­schwindet in diesem Bild fast vol­lkom­men. Er ist nur mehr die Instanz, durch die – kaum merk­lich – eine Zu- oder Abnahme (an was eigentlich?) geschieht. Wieder haben Über­set­zerin­nen hier keine agency. Und deswe­gen ist mir nach wie vor die lieb­ste Über­set­zungsmeta­pher die Men­schen­fresserei.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.