Sichtbarkeit und Verantwortung

Was wir ger­ade auf glob­aler Ebene erleben, ist nicht nur psy­chol­o­gisch, son­dern auch kul­turell hochspan­nend. Wir Sprachar­bei­t­erin­nen (Män­ner und Diverse sind wie immer mit­ge­meint) kon­sum­ieren wohl alle gewohn­heitsmäßig Nachricht­en aus unter­schiedlichen Kul­turkreisen, und einige beobacht­en dabei, wie medi­al Wahrheit kon­stru­iert wird, wie sich Diskurse durch reale Ereignisse verän­dern, wie auch Not­si­t­u­a­tio­nen hier und da instru­men­tal­isiert wer­den und welche Regierun­gen und Staatschefs wie ver­ant­wortlich han­deln bzw. sich auf unter­schiedliche Weise aus ihren Pflicht­en her­auslavieren. Es ist in jedem Fall eine äußerst span­nende Zeit.

In Krisen­si­t­u­a­tio­nen wie dieser find­en Men­schen und auch Gesellschaften her­aus, wie tön­ern die Füße sind, auf denen sie ste­hen. Alle Äng­ste und Neu­rosen, Neid, Gier, Miss­gun­st, kurz: Alles Hässliche, aber auch die pos­i­tiv­en Werte, die unser Han­deln motivieren – Mit­ge­fühl, Barmherzigkeit, Sol­i­dar­ität – all das, was son­st nur punk­tuell und indi­vidu­ell in Erschei­n­ung tritt, kommt kollek­tiv zum Vorschein. Mehr denn je braucht es Per­sön­lichkeit­en und Kollek­tive, die beson­nen und über­legt das Heft in die Hand nehmen und eine klare Lin­ie vorgeben. Men­schen, die wis­sen, was sie tun oder sich von denen, die wis­sen, was sie tun, berat­en lassen. Die Ver­ant­wor­tung übernehmen. Die uns sagen, welche Optio­nen wir haben, uns je nach­dem beruhi­gen oder wachrüt­teln. Die vorgeben und vor­leben, wie wir die Krise über­ste­hen kön­nen – als Indi­viduen und als Gesellschaft. Ich bin tat­säch­lich pos­i­tiv über­rascht, wie viele Fig­uren des öffentlichen Lebens in Europa und auch weltweit ger­ade Rück­grat zeigen und ein­er­seits im angemesse­nen Maß ruhig bleiben, ander­er­seits die hof­fentlich richti­gen Maß­nah­men mit stark­er Hand durch­set­zen. Aber darum soll es hier nicht gehen. Zumin­d­est nicht direkt.

Über­set­zerin­nen – mich selb­st eingeschlossen – kämpfen seit Langem und über­all auf der Welt für mehr Sicht­barkeit. Viele von uns hof­fen, mit der Sicherbarkeit komme die Wertschätzung und mit der Wertschätzung angemessene Hon­o­rare. (Hon­o­rar kommt übri­gens aus dem Lateinis­chen und hat rein sprach­lich direkt mit Ehre, Anerken­nung und Anse­hen zu tun). Wer diese Kolumne bis jet­zt ver­fol­gt hat, weiß, dass ich auch zu dieser Gruppe der Über­set­zerin­nen zäh­le und mich bei jed­er sich bietenden Gele­gen­heit dafür ein­set­ze, dass unsere Namen genan­nt wer­den, wir auf Ver­lags­seit­en auf­tauchen, wir als Urhe­berin­nen ernst genom­men wer­den und nicht zulet­zt, dass wir angemessen ent­lohnt wer­den. Für mich ist die Argu­men­ta­tion von der geleis­teten Arbeit zur Sicht­barkeit zur Ent­loh­nung schlüs­sig, und ich bin schon so manchen Mit­men­schen damit gehörig auf die Ner­ven gegan­gen. Lei­der weiß ich auch, dass die Ver­lags­seite genau­so legit­ime Argu­mente hat, aber auch darum soll es an dieser Stelle nicht primär gehen. Vielle­icht in ein­er der näch­sten Kolum­nen, vielle­icht aber auch nicht (es ist näm­lich sehr kom­plex, und wehe Füße sind kaum zu ver­mei­den). Wie die Über­schrift schon ver­muten lässt, soll es in dieser Kolumne um zwei Seit­en ein­er Medaille gehen: Sicht­barkeit und Ver­ant­wor­tung. Und zwar beim Über­set­zen.

Die prak­tis­che Arbeit unser­er Zun­ft find­et häu­fig unter großem Zeit­druck statt. Manch­mal muss – aus mir nicht ganz ersichtlichen Grün­den – eine Über­set­zung zeit­gle­ich mit dem aus­gangssprach­lichen Buch veröf­fentlicht wer­den, manch­mal gilt es – aus mir eben­so wenig erschließlichen Grün­den – dem Nach­bar­land bei einem „Großen Namen“ zuvorzukom­men. Egal, ob ich das ein­se­he oder nicht, die Vor­gaben machen in dieser Kon­stel­la­tion nun ein­mal die Ver­lage. Und Fakt ist: Häu­fig muss es schnell gehen. Schneller als den Tex­ten gut tut. Ich selb­st bin auch dur­chaus anfäl­lig für Stress und pro­duziere unter Druck mehr Fehler als son­st. Aus solchen Sit­u­a­tio­nen entste­hen dann Über­set­zun­gen, die von Kri­tik­erin­nen genau unter die Lupe und auseinan­der genom­men wer­den. Das liegt in der Natur der Sache. So funk­tion­iert der Buch­markt nun ein­mal. (Ob hier die eine wach­s­tums- und kon­sumori­en­tiert Mark­t­logik nach neolib­eralen Maß­gaben wirk­lich das angemessene Mod­ell ist, wage ich stark zu bezweifeln, aber dazu vielle­icht ein­mal an ander­er Stelle). Es gilt, Marken zu etablieren, die meist mit Autorin­nen­na­men oder Rei­hen in eins fall­en, und als wäre ein Buch ein Turn­schuh, muss das glob­al erzeugte Haben­wollen auch glob­al und möglichst zeit­gle­ich bedi­ent wer­den. Muße ist in dieser Logik nicht vorge­se­hen. Fürs Über­set­zen ist Muße aber essen­ziell notwendig. Worauf ich hin­aus will: Es kommt zu Flüchtigkeits­fehlern, und Über­set­zun­gen wer­den häu­fig zu Recht (manch­mal auch zu Unrecht) kri­tisiert. Eine schlechte Kri­tik tut weh. Sehr weh. Beson­ders, wenn sie berechtigt ist. Und der Gedanke liegt nahe, es irgend­wie ganz in Ord­nung zu find­en, dass in den meis­ten Rezen­sio­nen die Über­set­ztheit eines Textes nur dann erwäh­nt wird, wenn sie entwed­er beson­ders gut oder beson­ders fehler­haft ist. Die Unsicht­barkeit gibt tat­säch­lich auch manch­mal so etwas wie Gebor­gen­heit. Wenn nie­mand meinen Namen ken­nt, kann mich auch nie­mand kri­tisieren.

Psy­chol­o­gisch ist diese Hal­tung nur ver­ständlich. Im Gesamtzusam­men­hang plädiere ich aber dafür, dass wir Über­set­zerin­nen die Ver­ant­wor­tung im Sinne der Urhe­ber­schaft für unsere Texte übernehmen. Das bein­hal­tet auch das Sprechen über die Pro­duk­tions­be­din­gun­gen, das Offen­le­gen unser­er oft unter Min­dest­lohn herumdüm­pel­nden Hon­o­rare, man­gel­nde Anerken­nung und so weit­er. Und in den eige­nen Ver­hand­lun­gen gegen die Missstände anzukämpfen. Aber es bein­hal­tet auch, dass wir zur Urhe­ber­schaft an unseren Über­set­zun­gen ste­hen und uns die manch­mal berechtigte Kri­tik auch reinziehen. Denn: Men­schen sind träge. Men­schen verän­dern ihr Ver­hal­ten nur, wenn es richtig weh tut – auch das kann man in der derzeit­i­gen weltweit­en Lage gut beobacht­en. Und Über­set­zerin­nen sind auch nur Men­schen.

Meine Hoff­nung ist, dass es irgend­wann Stan­dard ist, den Namen der Über­set­zerin auf dem Buch­cov­er zu lesen. Das wäre eben­so kon­se­quent wie der Illus­tra­torin­nen­name auf dem Cov­er bei Bilder­büch­ern, der glück­licher­weise bere­its Stan­dard ist. Wenn wir Urhe­berin­nen sein wollen, soll­ten wir uns auch so ver­hal­ten. Soll­ten dafür kämpfen, dass wir angemessen ent­lohnt wer­den, unsere Autorschaft wahrgenom­men und anerkan­nt wird, unsere Namen genan­nt wer­den. Und zwar nicht nur auf dem Schmutzti­tel, son­dern auch auf dem Cov­er, bei Rezen­sio­nen, bei Short- und Longlists von Lit­er­atur­preisen, bei lit­er­arischen Quar­tet­ten und über­haupt über­all, wo es um die von uns über­set­zten Büch­er geht.

Wir gehören zur kri­tis­chen Infra­struk­tur des Buch­mark­ts. Wir sind sys­tem­rel­e­vant für die Kul­tur im deutschsprachi­gen Raum. Das laut zu sagen, erfordert Rück­grat und es erfordert Mut. Tun wir es! Es wird sich lohnen.

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