(Post-)koloniale Sprachverwerfungen und Produktionsbedingungen: Netflix und die Untertitel

In Pandemie-Zeiten kann es schon einmal vorkommen, dass man einen Film, eine Serie oder ein Buch zum zweiten oder dritten Mal in die Hand nimmt. Und so kam es dazu, dass der ganz großartige mexikanische Film „Roma“ von Afonso Cuarón, der am 30. August 2018 bei den Filmfestspielen in Venedig gezeigt wurde und neben zahlreichen Oscar-Nominierungen unter anderem einen Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film erhielt, kürzlich noch einmal bei mir im Heimkino lief.

Nun ist es in unserem Haushalt so, dass Filme, wenn irgend möglich, im Originalton geschaut werden – ich vertrete die Ansicht, dass ein Film ein Gesamtkunstwerk aus Bild und Ton ist, dem nicht so ohne Weiteres eine neue Tonspur verpasst werden kann, aber darüber mag man streiten können. Da nicht alle Haushaltsmitglieder Spanisch verstehen, wurde der Film zunächst mit englischen Untertiteln geschaut. Und da dämmerte es mir, irgendwas war da doch mit Untertiteln. Und ja, da war tatsächlich was mit den Untertiteln. Vor allem, aber nicht nur mit den spanischen.

Als der Film im Sommer 2018 auf Netflix zugänglich wurde, waren spanische Untertitel verfügbar. Ich bin der Frage, ob die Untertitel zunächst dazu dienen sollten, die teilweise vernuschelten und mit mixtekischen Passagen durchsetzten Dialoge der Haushälterinnen verständlich zu machen oder ob sie für Gehörlose und Menschen mit Hörbehinderung gedacht waren, für diesen Text nicht nachgegangen. So oder so fiel rasch auf, dass die Untertitlerinnen (generisches Femininum, wie immer) die Texte umgeschrieben bzw. „übersetzt“ hatten. Und zwar in kastilisches Spanisch bzw. die iberische Varietät der spanischen Sprache. Und bald hagelte es Kritik von allen Seiten. Kurz, das spanische Publikum verwahrte sich gegen die paternalistische Geste, die unterstellte, es sei nicht in der Lage, die mexikanische Varietät der Sprache zu verstehen. Und die mexikanische Kulturszene schnaubte vor Wut über diesen kolonialen Gestus des einstigen Mutterlandes. Und die Debatte schlug noch weitere Wellen. Unter anderem wurde einem indigenen Schauspieler zu den Golden Globes das Einreisevisum in die USA verweigert, der Star des Films, Cleo, grandios gespielt von Yalitza Aparicio, musste übelste rassistische Beschimpfungen über sich ergehen lassen, weil sie als erste indigene Frau auf dem Cover der Vogue zu sehen war und und und. Folgender englischsprachigen Artikel lässt das Ausmaß des Ganzen erahnen: www.townandcountrymag.com/leisure/arts-and-culture/a26470980/roma-movie-controversy-netflix-criticism/

Nachdem sich im Lauf des Jahres 2018 nun zahlreiche spanische und lateinamerikanische Intellektuelle, darunter das Mitglied der Königlichen Akademie der Spanischen Sprache, Pedro Álvarez de Miranda und der Regisseur Alfonso Cuarón selbst zum Thema geäußert hatten, wurden Anfang 2019 die Untertitel zunächst entfernt und dann ersetzt, wie hier und hier zu lesen ist. Mittlerweile stimmen also die spanischen Untertitel mit dem überein, was die Figuren im Film sagen und damit ist doch eigentlich alles gut, oder?

Im Ergebnis ist prinzipiell alles gut, ja. Nur interessiert mich als Übersetzerin und Lateinamerikanistin, wie und warum es überhaupt zu solch einer seltsamen Gemengelage kommen konnte. Der Gedanke an die (post-) kolonialen Dimensionen des Ganzen liegt nahe, man denkt sofort daran, dass während des Booms und teilweise bis heute die lateinamerikanischen Literatur, die es auf den Weltmarkt schafft, über Barcelona in den Literaturbetrieb eintrat und die Monopolstellung der Agentur Balcells, die noch immer die Rechte an den meisten Boom-Autoren (ja, eigentlich alle männlich) hält. (Die Macht von Carmen Balcells wird annähernd in diesem kurzen Nachruf deutlich).

Doch was dabei häufig unter den Tisch fällt, ist die Arbeit derjenigen, die Untertitel für Netflix und andere audiovisuelle Medien produzieren. Zwar äußerten sich Berufsverbände der Medienübersetzer zur mangelnden Qualität der Untertitel, doch findet sich kaum ein Wort zu den strukturellen Bedinungen, unter denen hier untertitelt wurde. Ein spanischsprachiger Kollege schildert hier, wie sich die Arbeitsbedingungen bei HBO und Netflix in den letzten Jahren noch weiter verschlechtert haben. Während zunächst die Untertitlerinnen entweder für ortsansässige kleine Agenturen oder sogar direkt für das Medienunternehmen arbeiteten, übernahm offenbar 2017 der US-amerikanische Medienriese Deluxe Entertainment zusammen mit Schnitt und Ton auch die Untertitelung für Dienste wie Netflix oder HBO. Und mit diesem Marktmonopol sanken die Honorare für Untertitlerinnen von 4,00 € pro Videominute in Spanien auf weniger als die Hälfte.

Unterstellen wir, dass der spanische Kollege hier nur geringfügig übertreibt, so sind die Arbeitsbedingungen der Untertitlerinnen alles andere als in Ordnung. Und es verwundert kaum, dass für Überlegungen, wie mit unterschiedlichen Sprachvarietäten umzugehen ist, kein Raum bleibt. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass die Transparenz bei Transkriptionsarbeiten häufig zu wünschen übrig lässt. Zwar habe ich bislang nicht für Netflix gearbeitet, ich wurde aber vor einigen Jahren für öffentlich-rechtliche TV-Produktion mit der Transkription von Audiodateien beauftragt. Nach Abschluss der Produktion stellte ich anhand des fertigen Films fest, dass ich nur die Audiospur erhalten hatte und es zusätzlich noch Filmmaterial gegeben hätte. Nicht umsonst werden wir Übersetzerinnen niemals müde, auf den Kontext zu pochen, wenn uns jemand bittet, einen Satz oder eine Passage „mal schnell“ zu übersetzen. Denn es ist ein himmelweiter Unterschied, ob ein Gespräch auf offener Straße stattfindet, in einem Privathaushalt oder in einer Praxis oder Kanzlei. Immerhin wurde ich – anders als der spanische Kollege – pro Arbeitsstunde anstatt pro Aufnahmeminute bezahlt, was aufgrund des mit Audioqualität und Sprechfrequenz stark schwankenden Arbeitsaufwands eigentlich die Norm sein sollte. Jedenfalls wurde mir erst beim finalen Produkt klar, was bestimmte Passagen für eine Bedeutung hatten. Und da war es für Korrekturen natürlich zu spät.

Was ich damit sagen will: Die Arbeitsbedingungen bestimmen die Qualität einer Übersetzung maßgeblich mit. Wenn ich mich recht erinnere, wurde im Zuge der Untertitel-Debatte rund um „Roma“ höchstens ganz am Rande erwähnt, dass Netflix seine Untertitel über Agenturen abwickelt und die Untertitlerinnen den zu untertitelnden Film womöglich überhaupt nicht zu sehen, geschweige denn klare und sinnvolle Arbeitsaufträge bekommen haben. Ganz abgesehen von unterirdisch niedrigen Honoraren.

Und das wiederum hat mit fehlender Sichtbarkeit und der darauf folgenden fehlenden gesellschaftlichen Wertschätzung von translatorischen oder auch transkriptorischen Leistungen zu tun. Klar kann man kulturtheoretische Debatten darüber führen, welche postkolonialen Gesten hinter einer letztlich translatorischen Entscheidung stehen. Vielleicht wäre es aber in diesem Fall sinnvoll, zunächst nach den Produktionsbedingungen der Untertitel mit all ihren Komponenten zu fragen und diese in die Debatte einzubeziehen. Ich habe den Verdacht, dass ähnlich wie im Literaturbetrieb auch in der Filmbranche Übersetzerinnen und Untertitlerinnen am falschen Ende der Nahrungskette stehen.

Zwar hat der laute Protest von beiden Seiten des Atlantiks dazu geführt, dass „Roma“ jetzt mit mexikanischen und damit „korrekten“ Untertiteln versehen ist, aber ob diejenigen, die diese Untertitel produziert haben, pro Aufnahmeminute oder pro Arbeitsstunde bezahlt wurden, wie hoch das Honorar war und ob sie irgendwelche Informationen zum Kontext erhalten haben, ist nicht zu ermitteln.

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