Identität über Bande. Oder: Wie der Buchmarkt Autorinnen definiert

Kürzlich fiel mir dieser Tweet der österreichischen Journalistin Julia Pühringer vor die Füße:

Quelle: Twitter

Ob es tatsächlich fünfzehn Filmtitel sind, die mit „Die Frau des“ beginnen oder mehr oder weniger, habe ich nicht überprüft. Aber es hat mich einerseits nicht überrascht, andererseits hat es mich an eine Geschichte erinnert, die vor einiger Zeit durch die spanischsprachige Presse ging. 2016 wurde zum 100. Geburtstag der Autorin Elena Garro ihr einziger Roman Los recuerdos del porvenir (dt. in der Übersetzung von Konrad Schrögendorfer Erinnerungen an die Zukunft, erstmals erschienen bei Suhrkamp) im spanischen Verlag Drácena neu aufgelegt. Das Buch wurde auf der Buchmesse von Guadalajara in Mexiko vorgestellt und es folgte eine weitreichende Debatte in Presse und sozialen Medien.

Die Debatte drehte sich allerdings nicht um das Buch selbst – ein großartiger Roman zur mexikanischen Revolution, einer der Gründungstexte des magischen Realismus und erstmals erschienen 1964, der allerdings in den Wogen des männlich dominierten „Boom“ lateinamerikanischer Literatur fast unterging –, sondern um die Banderole. Auf der stand: „Mujer de Octavio Paz, amante de Bioy Casares, inspiradora de García Márquez y admirada por Borges“, was übersetzt etwa bedeutet: „Frau von Octavio Paz, Geliebte von Bioy Casares, Muse von García Márquez und bewundert von Borges“. Das lassen wir jetzt erstmal ein bisschen sacken.

Quelle: Facebook

Bevor ich weiter auf die Banderole und das Drumherum eingehe, kurz ein paar Worte zum sogenannten „Boom“: In den 1970er und 1980er Jahren kam eine Fülle lateinamerikanischer Literatur auf dem deutschen Buchmarkt an. Allen voran der Suhrkamp-Verlag machte sich verdient um die ‚Entdeckung‘ und Übersetzung der Werke von Autoren (spezifisches Maskulinum) wie Jorge Luis Borges, Julio Cortázar, Carlos Fuentes, Gabriel García Márquez, Octavio Paz oder Mario Vargas Llosa aus Hispanoamerika sowie von Brasilianern wie João Guimarães Rosa, Graciliano Ramos oder Ingácio de Loyola Brandão. Unter den ganz wenigen Frauen war die Brasilianerin Clarice Lispector.

Die deutschen Übersetzerinnen (hier wieder generisches Femininum) waren große Figuren wie Curt Meyer-Clason, Anneliese Botond, Sarita Brandt, Ray-Güde Mertin, Elke Wehr und andere, doch blieb wohl hauptsächlich Meyer-Clason im kollektiven Gedächtnis der Lateinamerikanistinnen haften, zumal er es am besten verstand, sich in Paratexten zu seinen Übersetzungen als Experte für lateinamerikanische Prosa darzustellen – interessanterweise nicht so sehr als Übersetzer, worum es hier aber nicht gehen soll.

Elena Garros Roman Erinnerungen an die Zukunft erschien 1989 bei Suhrkamp in der deutschen Übersetzung von Konrad Schrögendorfer. Die Rezeption fiel recht mager aus – und bis heute erschienen nur zwei ihrer Werke auf Deutsch. Garro war tatsächlich mit dem mexikanischen Literaturnobelpreisträger Octavio Paz verheiratet und führte später eine Beziehung mit dem argentinischen Autor Adolfo Bioy Casares. Doch war sie vor allem eine überaus produktive Autorin von Theaterstücken, Drehbüchern, journalistischen Crónicas, Kurzgeschichten und dem genannten Roman. Sie war Teil der lebendigen Intellektuellenszene von Mexiko und Lateinamerika, bis zu ihrem 20-jährigen, selbstgewählten Exil in den USA und später in Frankreich. Vor allem während ihrer Ehe mit Octavio Paz stand sie stark in dessen Schatten und wurde kaum als selbstständige Künstlerin wahrgenommen. Umso bitterer mutet an, dass die Jubiläumsausgabe ihres Romans erneut denselben Schatten auf sie wirft – ein Rückschritt in Sachen Feminismus, eine bittere Enttäuschung für alle, die hofften, endlich käme die unterschätzte Autorin und (Mit-)Begründerin des absurden Theaters in Lateinamerika doch noch zu ihrem Recht.

Nun. Glücklicherweise gibt es in der spanischsprachigen Welt eine starke feministische Bewegung, die nicht nur für die Legalisierung der Abtreibung und den Kampf gegen Femizid (Mord an Frauen) einsetzt, sondern auch mit wachem Auge kulturelle Entwicklungen beobachtet. Somit ließ der Shitstorm auch nicht auf sich warten – und am Ende wurde die Banderole vom Verlag zurückgezogen.

Hier einer von unzähligen Tweets, hier von der mexikanischen Politologin und Autorin Denise Dresser mit Bild der Banderole und ihrem Kommentar: „Wie peinlich, Elena Garro über die Männer in ihrem Leben zu definieren und nicht über ihr Werk“:

Quelle: Twitter

Eine Jubiläums-Neuübersetzung von Garros Roman, geschweige denn eine Werkausgabe in deutscher Übersetzung gibt es bis heute nicht. 2003 erschien der Roman mit einem Nachwort von Michi Strausfeld erneut, diesmal bei Wagenbach, allerdings in der alten, nur leicht überarbeiteten Übersetzung von Konrad Schrögendorfer – immerhin, das Buch ist nicht mehr vergriffen. Außerdem ist nur eines ihrer Theaterstücke übersetzt, ebenfalls von Konrad Schrögendorfer. Doch taucht sie nach wie vor nur selten in den Lektürelisten des „Boom“ auf, obwohl es ihre Prosa ebenso wie ihre Theaterstücke mit jedem der allseits bekannten männlichen Autoren ohne Weiteres aufnehmen könnten. Wieder einmal ist es nicht die literarische Qualität, die im Vordergrund steht, vielmehr spielen andere Faktoren massiv in die Rezeption bzw. Nicht-Rezeption eines Buches bzw. einer Autorin hinein.

Um diese Faktoren anzureißen, mache ich einen kurzen Umweg – über Brasilien. Innerhalb des „Boom“ war brasilianische Literatur zunächst nicht der zentrale Fokus. Das größte Land Lateinamerikas stand aufgrund von Sprache und Geschichte etwas am Rande – nicht nur in Sachen Literatur. Dennoch erhielt eine Autorin bemerkenswert große Aufmerksamkeit, die mit der Buchmesse 2013 und der Werkausgabe bei Schöffling noch einmal aufgefrischt wurde. Wie Brasilien steht Clarice Lispector recht alleine da innerhalb der lateinamerikanischen Literatur – eine Autorin mit enigmatisch sphinxhaftem Auftreten, für die das Schreiben wie „Wasser trinken“ war, die mit Verlagen um die Rechte an ihren Texten kämpfte und mit ihrem Exmann um Existenz und Kinder. Lispector hatte das Glück, posthum einen einflussreichen Fürsprecher in den USA zu finden, der eine nur fast gelungene Biographie der Autorin publizierte, die wiederum auch ins Deutsche übersetzt wurde. Die Biographie und das damit einhergehende Interesse führten in den USA zu einem regelrechten Hype rund um die Brasilianerin, der auch in die deutschsprachige Academia überschwappte. Elena Garro hatte dieses Glück bislang nicht – so suchte der spanische Verlag wohl nach vermarktbaren Eigenschaften und fand in ihrem Privatleben mehrere schwergewichtige, kanonische Männernamen, die prompt auf die Banderole gedruckt wurden.

Ich sehe ein, dass in dem derzeitigen System Bücher verkauft werden müssen, damit die Verlage weitermachen können. Ich sehe überhaupt nicht ein, warum gerade bei Autorinnen so oft über die Bande eines männlichen Verlegers, Übersetzers, Forschers oder Biographen gespielt werden muss. Wann hören wir endlich auf, uns für dumm verkaufen zu lassen und fragen Verlage und Buchhandel nach Autorinnen wie Elena Garro – ganz unabhängig davon, mit wem sie das Bett geteilt haben?! Autorinnen des „neuen Boom“ wie Samantha Schweblin, Lina Meruane, Gabriela Cabezón Cámara oder Ariana Harvicz zeigen, dass es auch anders geht. Denn für die Literatur spielt das Liebesleben der Schreibenden bekanntermaßen überhaupt keine Rolle.

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