Flatten that other curve! Für eine Gemeinwohlökonomie am Buchmarkt

Die aktuelle (ja, doch, sie ist noch immer da) Coro­na-Pan­demie stellte und stellt uns vor eine Menge Her­aus­forderun­gen. Sie bot und bietet aber auch Chan­cen. Chan­cen zum Nach­denken darüber, was gesellschaftlich verbessert wer­den kön­nte. Darüber, was wir wirk­lich brauchen und was kap­i­tal­is­tisch erzeugte Bedarfe für Phan­tasiewe­sen sind, deren Eigen­schaften wir vielle­icht gerne hät­ten, die aber nichts damit zu tun haben, wer wir wirk­lich sind und die nur dazu dienen, Prof­ite zu max­imieren.

Der viel zitierte Bren­n­glas-Effekt machte auch in Deutsch­land, wo an den meis­ten Orten die „Lockdown“-Phase extrem milde war und die Ein­schränkun­gen über­aus erträglich, die beste­hen­den gesellschaftlichen Prob­leme für alle sicht­bar, indem er sie zur Unerträglichkeit ver­schärfte. Kinder aus sozial schwachen und „bil­dungs­fer­nen“ Fam­i­lien waren nach Schulschließung kom­plett von allen schulis­chen Ange­boten abgekop­pelt. Opfer häus­lich­er Gewalt waren der­sel­ben schut­z­los und per­ma­nent aus­geliefert. Allein­erziehende wur­den zwis­chen beru­flichem und famil­iärem Druck aufgerieben. Men­schen mit Behin­derung oder Vor­erkrankun­gen wur­den noch weit­er an den Rand gedrängt. Men­schen in sozialen (i. e. sys­tem­rel­e­van­ten) Berufen mussten ungeschützt dop­pelt und dreifach arbeit­en. Wer über­haupt bis­lang aus welchem Grund auch immer Diskri­m­inierung erfahren hat­te, war noch stärk­er von Aus­gren­zung betrof­fen als zuvor. In den USA war dies sicher­lich ein Fak­tor, der mit zum Beginn ein­er lange nöti­gen Rev­o­lu­tion führte, aber das nur am Rande. #blm

In der Wirtschaft prof­i­tierten große Unternehmen von der Krise – und riefen den­noch laut­stark nach staatlich­er Unter­stützung, während zumeist weit­er­hin Boni und Div­i­den­den aus­gezahlt wur­den. Kleine Unternehmen kämpften ums Über­leben und nicht alle gin­gen siegre­ich aus diesem Kampf her­vor. Solo-Selb­st­ständi­ge mussten rei­hen­weise Grund­sicherung beantra­gen. Kurz, die wirtschaftlichen wie sozialen Auswirkun­gen wer­den uns noch lange begleit­en. Und auch wenn die Börsen sig­nal­isieren, es sei alles halb so wild, steck­en wir auch auf wirtschaftlich-sozialer Ebene erst am Anfang der Krise. Dabei befind­en wir, in Deutsch­land und beson­ders in Berlin, uns auf­grund der in Winde­seile geschnürten und aus­geliefer­ten Soforthil­fe-Pakete in ein­er ver­rückt priv­i­legierten Sit­u­a­tion. An dieser Stelle möchte ich ein­mal „Danke!“ sagen. Danke, dass der Staat – lei­der nicht über­all gle­icher­maßen, aber doch im Ver­gle­ich sehr großzügig – für seine Bürg­erin­nen und Unternehmerin­nen sorgt.

Vor diesem Hin­ter­grund mache ich mir natür­lich so meine Gedanken. Ich schaue hin und wieder auf ver­schiedene Zahlen und frage mich, wie ein Sys­temwan­del durch und nach Coro­na ausse­hen kön­nte. Ins­beson­dere in der Buch­branche. Auch weil Büch­er bei Ama­zon während des „Lock­downs“ als nicht pri­or­itär eingestuft und damit nicht mehr aus­geliefert und auch nicht mehr bei den Ver­la­gen bestellt wur­den (E‑Books gab es noch, immer­hin), aber auch weil Hand­lungs­be­darf im Eigen­in­ter­esse bestand, haben sich zahlre­iche Buch­händ­lerin­nen und übri­gens auch Kle­in­stver­legerin­nen extrem kundin­nen­fre­undliche (gener­isches Fem­i­ninum, wie immer) Ver­trieb­ssys­teme aus­gedacht. Da wur­den Las­ten­fahrräder mit Bücher­paketen bepackt und los gings zum kon­tak­t­losen Haus­be­such. Einige richteten, sofern dies erlaubt und möglich war, einen Garten­verkauf über den heimis­chen Zaun ein, andere stell­ten kom­plett auf Ver­sand­han­del um. Und das inner­halb weniger Tage.

Aus der Ver­lagswelt kam große Dankbarkeit für das Engage­ment des Buch­han­dels, während das eigene Wirtschaften angepasst wurde. Bemerkenswert dabei die Ten­denz, Büch­er zu ver­schieben, statt kom­plett abzusagen, Titel länger aktuell zu hal­ten, statt das Früh­jahrspro­gramm 2020 ein­fach unter den Tisch fall­en zu lassen. Da man weniger Büch­er verkaufe, müsse man eben auch weniger pro­duzieren. So rev­o­lu­tionär dieser Ansatz inner­halb ein­er kap­i­tal­is­tis­chen Mark­t­logik erscheint, so bestechend natür­lich ist er doch, wenn man kurz innehält und sich die Debat­ten der let­zten Jahre in Erin­nerung ruft.

Vor nicht allzu langer Zeit geis­terte ein Leserin­nen­ver­lust von 6 Mil­lio­nen Köpfen durch die Presse. Die gesamte Ver­lagswelt neb­st Buch­han­del klagt über den Druck, leichtle­sige Best­seller ins Pro­gramm nehmen zu müssen, um die „richtige Lit­er­atur“ quer­fi­nanzieren zu kön­nen. Über­set­zerin­nen bekom­men zu hören, es gebe schon genug über­set­zte Titel im Pro­gramm, und so weit­er und so fort. Kurz, jedes Jahr kom­men zwis­chen 70 und 80.000 neue Titel auf den deutschen Buch­markt und man fragt sich, wer die alle kaufen, geschweige denn lesen soll (tat­säch­lich wer­den es seit 2007 ten­den­ziell eher weniger als mehr).

Soweit so gut. Auch am Buch­markt gibt es bere­its Ansätze eines nach­haltigeren Wirtschaftens. So verzicht­en einige Ver­lage mit­tler­weile auf Plas­tik­folie und nutzen Recy­cling-Papi­er. Befasst man sich aber etwas tiefer mit ver­schiede­nen Ansätzen der Nach­haltigkeit in den unter­schiedlich­sten Wirtschafts­bere­ichen, stößt man recht bald auf einen Ansatz, der Gemein­wohlökonomie genan­nt wird. Dieser Ansatz stellt Koop­er­a­tion und Gemein­we­sen neben Men­schen­würde, Sol­i­dar­ität, ökol­o­gis­che Nach­haltigkeit, soziale Gerechtigkeit und Par­tizipa­tion statt Gewin­n­max­imierung und Ressource­naus­beu­tung in den Vorder­grund. Das Mod­ell set­zt auf in diesem Sinne nach­haltiges Wirtschaften auf allen Stufen der Liefer­ket­ten, auf ins­ge­samt weniger Kon­sum und weniger große Mar­gen, dafür aber auf Pro­duk­te, deren Her­stel­lung für Zwis­chen­händ­lerin­nen und Ver­braucherin­nen voll­ständig trans­par­ent durch­weg nach­haltig ist.

Für ein Möbel­stück würde das beispiel­sweise bedeuten: Das Holz stammt aus nach­haltig bewirtschafteten Kul­tur­wäldern und wurde von Arbeit­skräften gefällt, die mehr als den lan­desüblichen Min­dest­lohn erhal­ten und sozial abgesichert sind. Eben­so diejeni­gen, die das Holz für Trans­port und Weit­er­ver­ar­beitung vor­bere­it­en, die Sägew­erksmi­tar­bei­t­erin­nen, die Möbeltisch­lerin­nen, diejeni­gen, die die nöti­gen Werkzeuge und Bauteile liefern, bis hin zur Logis­tik und den Möbel­häusern. Außer­dem sind sämtliche Trans­portwege auf dem am wenig­sten CO2-inten­siv­en Weg zurück­gelegt wor­den, es wur­den nur nicht-tox­is­che Ver­bund­ma­te­ri­alien einge­set­zt und die Plas­tik­furniere sind aus Recy­cling­ma­te­r­i­al. All dies – inklu­sive sämtliche nicht erwäh­n­ten Zwis­chen­schritte – ist für die End­ver­braucherin­nen trans­par­ent und nachvol­lziehbar.

Denkt man das Mod­ell ein­mal für den Buch­markt durch, wür­den wohl zunächst Über­set­zerin­nen- und Autorin­nen­hono­rare an Min­dest­lohn und Sozial­stan­dards (Stich­wort Altersvor­sorge) angepasst wer­den müssen, Büch­er wür­den wom­öglich teur­er wer­den, vielle­icht wür­den Aufla­gen klein­er oder es gäbe schlicht weniger Büch­er in den Ver­lagspro­gram­men. In ein­er ide­alen Welt wäre dadurch aber nicht die Vielfalt, die Bib­lio­di­ver­sität, in Gefahr, son­dern das Gegen­teil wäre der Fall, denn es gin­ge nicht mehr darum, Gewinne zu max­imieren, son­dern tat­säch­lich darum, schöne und gute Büch­er zu machen, von denen alle in ähn­lichem Maß prof­i­tieren.

Es würde eine Besin­nung stat­tfind­en auf Qual­ität statt Quan­tität und der ideelle Wert von Büch­ern würde durch ihre Mate­ri­al­ität reell unter­mauert wer­den. Um noch ein biss­chen in dieser wun­der­schö­nen Phan­tasiewelt zu verbleiben, würde die Buch­branche zusät­zlich von staatlich­er Seite und auf nach­haltige Weise gefördert, damit die hohe Qual­ität eben­so wie die abso­lut notwendi­ge Diver­sität weit­erge­führt wer­den kön­nte und sich die Leserin­nen die Büch­er vielle­icht doch leis­ten kön­nten. Ein Mod­ell wie in Öster­re­ich wäre beispiel­sweise denkbar, es gäbe Förderun­gen, auch und vor allem für kleine Ver­lage, für Über­set­zun­gen aus kleinen Sprachen, für Zeitschriften, für Illus­tra­tion, für Bilder­büch­er und und und. Alter­na­tiv kön­nte das Konzept Büch­er als Eigen­tum infrage gestellt wer­den und Haupt­ab­nehmer­stellen für Büch­er wären öffentliche Bib­lio­theken. Aber vielle­icht ist dieser Traum doch etwas zu ide­al­sozial­is­tisch verk­lärt.

Ver­mut­lich wird das Jahr 2020 als das Jahr der ver­passten Reform­chan­cen in die Geschichte einge­hen. Aber der lokale Buch­han­del hat mit Sicher­heit etwas aus dem Ganzen mitgenom­men. Die Ver­lage hof­fentlich auch. Und sei es auch nur, dass Büch­er eben doch sys­tem­rel­e­vant sind.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.