Das Translatier macht einen Übersatz

Ziemlich sofort nachdem ich meinen letzten Kolumnentext abgeschickt hatte, fiel mir eine Episode oder vielmehr ein Phänomen aus meinem Übersetzerinnenstudium in Germersheim ein. Gleich bei der Einführungsveranstaltung polterte ein älterer Herr mit Hut herum, rief die „nachwachsenden Rohstoffe“ auf, nach rechts und links zu schauen mit den Worten „jeder Zweite wird rein statistisch gesehen das Studium in diesem hohen Hause nicht beenden“.

Nun. Im Nachhinein kann ich diese Statistik zwar durchaus bestätigen, ob das in dieser Härte direkt zur Begrüßung notwendig war, sei aber dahingestellt. Die Diskrepanz zwischen Inhalt und Präsentation desselben zog sich jedenfalls bei Dr. Manfred Betz – die Übersetzerinnengöttin hab ihn selig – lückenlos durch. Er war kein Freund der leicht eingängigen, pädagogisch wertvollen Darstellung von Inhalten, vermutlich war es ihm sogar wichtig, eine Hürde aufzubauen, um nur diejenigen Studentinnen (das Femininum ist hier aufgrund der 85% Frauenanteil unter den Studierenden fast schon nicht mehr generisch) in seinen Seminaren und Übungen sitzen zu haben, die es wirklich, wirklich ernst meinten. Unter uns Studentinnen war er eher gefürchtet, zumal er sich durchaus hin und wieder mächtig im Tonfall vergriff.

Doch zurück zu den Inhalten – de mortuis nihil nisi bene. Seine zutiefst strukturiert-strukturalistische Herangehensweise an sprachliche Phänomene war erst einmal schwer verständlich, doch ließ man sich darauf ein, konnte man eine ganze Menge bei ihm lernen. Dabei sickerten nicht nur Regelmäßigkeiten und Unregelmäßigkeiten bei der Argumentreihenfolge im Satz, bei Modalverben oder bei Funktionsverbgefügen und die Möglichkeiten, diese zu übersetzen, in das Bewusstsein lernwilliger Studentinnen. Er brachte auch ein gerüttelt Maß an Wortspielereien, Sprachwitz und Esprit mit. Was zunächst vor lauter polternder Drohkulisse kaum auffiel, wurde – zumindest für mich als damals strebsame, wissbegierige Studentin – zu einem der Hauptgründe, warum ich seine Lehrveranstaltungen weiterhin besuchte. Die Situationskomik ist überaus schwer zu, ähm, übersetzen, aber ich versichere, es war unglaublich witzig. Vor allem, weil die Spielereien so versteckt waren in der Ernsthaftigkeit der sprachanalytischen Unterrichtspraxis, dass viele nur die absolut markantesten mitbekamen.

So waren diejenigen, die sich in Kulturwissenschaften prüfen ließen, die „Kulturbeutel“, es wurde gefragt, ob nicht „jemandem ein Geisterblitz ins Gesicht“ falle, damit endlich die aktuelle Frage beantwortet werden könne, es gab „Eselskrücken“, „Lehrverunstaltungen“, die Grammatik wurde „vorgeturnt“, es ging um „Rechts- und Linksgelehrte“ und so weiter und so fort. Und dann waren da die kuriose „Stärkung“ bzw. „Schwächung“ deutscher Verbformen wie „Habt ihr euch das gemorken?“, „Letztes Mal wart ihr schon alle geflieht“, „Wer hätte es gewisst?“. Kurz: Es war eine Freude, man musste nur durch den Grummelsumpf des alten Mannes hindurchwaten, dann wurde man belohnt durch viele kleine Sprachperlen, von denen ich tatsächlich einige eingesammelt und bis heute aufbewahrt habe.

Tatsächlich bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob das „Translatier“ wirklich von ihm stammte oder ob es eine Erfindung im Geiste von Meister Betz war. Jedenfalls ist mir der titelgebende Satz dieser Kolumne eine immerwährende Freude, an der ich gerne und häufig andre teilhaben lasse. Das Schöne daran ist, dass es – wie bei nahezu allen Sprachspielereien im Betz’schen Geiste – nicht hirnlos ist. Ganz im Gegenteil: Es werden absolut reguläre und korrekte Wortbildungsmuster der Deutschen Sprache angewandt, womöglich etwas gedehnt und verschoben, aber sicher nicht gebrochen. Durch Substantivkomposition, Verbsubstantivierung, Prä- und Suffigierung entsteht etwas. Aus dem Fremdwort „Translat“ wird ein Wesen, das „Translatier“, das etwas tut. Es übersetzt aber nicht einfach nur, sondern es macht einen Satz, einen „Über-Satz“, einen großen, womöglich transzendenten Satz (und das wiederum im sprachlichen wie im physischen Sinne). Und dadurch entsteht etwas Neues: Ein vielschichtiges Bild.

Das Bild, das innerlich entsteht, wenn das „Translatier einen Übersatz“ macht, ist das eines großen Tiers, wahrscheinlich vom „richtigen“ Ende der Nahrungskette, das einen kraftvollen Sprung vollführt. Dompteure sind keine in Sicht. Gitter ebenso wenig. (Wir sind hier schließlich nicht bei Rilke). Es ist ein selbstbestimmtes Tier. Und ein selbstbestimmter Sprung. Womöglich wird – vornehmlich wohl von Kolleginnen – der Heilige Hieronymus gedanklich evoziert, der der Legende nach nicht nur dereinst die Bibel übersetzte, sondern auch einen Löwen von einem Dorn in der Pranke befreite. Vielleicht löst das Bild Respekt aus, Erstaunen, Bewunderung. Oder ein Lachen, denn das, was wir Übersetzerinnen tun, ist bereits enthalten: Das kreative, humorvolle Spielen mit Sprache, das Ausloten von Möglichkeiten, das Ausdehnen von Regeln, das Erschaffen neuer Begriffe, neuer Kombinationen, neuer Ausdrücke und dadurch neuer Bedeutungsebenen und letztlich neuer Realitäten.

Übersetzen kann in vielen Bildern ausgedrückt werden. Übersetzerinnen können viele – auch unerwartete – „Translatiere“ als Totem haben, die womöglich Sprünge vollführen oder andere Fähigkeiten – wie Graben, Fliegen, Galoppieren – besitzen. Einige davon beschreibt Ethel Barja in ihrer Kolumne: Maulwurf, Faultier oder Adler bieten laut Barja Qualitäten, die Übersetzerinnen durchaus von Nutzen sein können. Auch wenn ihre poetische Poesieübersetzungs-Kolumne ganz anders ist als meine, gibt es durchaus Überschneidungen und Verwandtschaftsverhältnisse. Besonders gut gefällt mir ihre Beschreibung des Seesterns als Krafttier der Übersetzerinnen. Zwar vollführt der Seestern kaum buchstäbliche große Sprünge, geschweige denn Sätze, ein Teil von ihm kann aber ins Jenseits übergehen, ohne dass der ganze Organismus zugrunde geht. Im Gegenteil: Seesterne sind in der Lage, abgestorbene Gliedmaßen nachwachsen zu lassen, wie für Axolotl ist eine Amputation für diese Meeresstachelhäuter nicht endgültig. Für das Übersetzen bedeutet dies laut Barja:

„Die genaue Rekonstruktion stirbt, denn es ist nicht möglich, die Klangfülle des Originals zu übertragen, auch wenn es gelingt, einen Teil der Beklemmung einzufangen.“

Der Seestern lerne, seinen nachgewachsenen Arm zu lieben, „ihn nicht als seinen toten Arm zu sehen, sondern als den Beweis für eine unmögliche Wiederauferstehung.“, schreibt Barja weiter. Auch der Seestern kann folglich ein „Translatier“ sein, das einen „Übersatz“ vollführt. Nicht buchstäblich wie der Löwe aus dem Hieronymus-Bild, sondern indem er dem Tod ein Schnippchen schlägt und dem Leben eine zweite Chance gibt.

Im Idealfall tun Übersetzerinnen genau dies: Sie verhelfen Texten, die in einem sprachlich-kulturellen Kontext entstanden sind und rezipiert wurden, zu einem neuen Leben in einem anderen Kontext, mit anderen Rezipientinnen und in einer anderen Sprache. Vielleicht als Maulwurf, der nur unterirdisch in den Sedimentschichten der Sprache wühlt. Vielleicht als Adler, der über weite Horizonte blickt, vielleicht als Faultier, das gemächlich jeden Schritt genau abwägt. Vielleicht als Nashorn, das immer kurz vor der Erkenntnis zu schnell losrennt. Oder als ein anderes „Translatier“, das je eigene Qualitäten mitbringt.

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