Blog

Die Grenzen des Online-Unterrichts

Wer derzeit mit Kindern zu Hause sitzt oder das Glück hat, in einem der Bil­dungssys­teme dieser hoch ver­net­zen Welt zu arbeit­en, der hat – neben „Kon­tak­tsperre“ und „Öff­nungs­diskus­sion­sorgie“ – ein neues Wort in seinen täglichen Sprachge­brauch inte­gri­ert: „Online-Unter­richt“. Was vor weni­gen Wochen noch ein semi-zukun­ft­strächtiges Pro­jekt einiger Pri­vatschulen und Uni­ver­sitäten war, ist nun auch im deutschen All­t­ag angekom­men. Mich per­sön­lich beschäftigt dieser Online-Unter­richt schon seit Mitte Feb­ru­ar, als klar wurde, dass die chi­ne­sis­chen Uni­ver­sitäten geschlossen bleiben wer­den.

Hauptsache süß

Meine chi­ne­sis­chen Studieren­den, die sich seit Wochen tapfer durch Online-Sem­i­nare quälen, haben ein deutsches Lieblingswort, das sie immer und immer wieder ver­wen­den. Wenn ich sie auf­fordere eine Per­son zu beschreiben oder ihre Mei­n­ung zu Musik, Pop­kul­tur oder Film­stars ein­hole, lan­den wir stets bei der­sel­ben Vok­a­bel: „süß“. Fort­geschrit­tenere ver­wen­den auch gern mal Syn­onyme wie „niedlich“ oder gar „liebenswürdig“. Die Studieren­den find­en auch mich „süß“, obwohl ich ihre Dozentin bin und sie mit der deutschen Sprache ärg­ere. Für sie gibt es jedoch kein größeres Kom­pli­ment als jeman­den mit diesem Prädikat zu verse­hen.

Gestrandet

Seit Anfang Jan­u­ar bin ich nicht mehr in Chi­na gewe­sen. Als ich in den Urlaub nach Indone­sien fuhr, hat­ten in Chi­na ger­ade die Semes­ter­fe­rien begonnen und der Aus­bruch des Coro­n­avirus war nicht mehr als eine Rand­no­tiz in den Nachricht­en, die mich zugegeben nur mäßig inter­essierte. Jet­zt weiß ich nicht genau, wann ich wieder nach Chi­na zurück­kehren werde.

Das Leben in der digitalen Zukunft

Neulich auf dem Nan­jinger Flughafen sprach mich jemand aus Weißrus­s­land an. Weit und bre­it die einzi­gen zwei „Expats“ zu sein, verbindet schließlich immer. Das gemein­same Durch­laufen der chi­ne­sis­chen Emi­gra­tionsprozedere auch. Es fol­gte also ein wenig Small Talk, der mit der Frage endete: „Kann ich noch kurz deinen QR-Code scan­nen?“ Daraufhin zück­te ich mein Handy und gener­ierte mit erstaunlich­er Abgek­lärtheit besagten QR-Code, der wiederum in Blitzschnelle vom Gegenüber einges­can­nt wurde, man wolle den Flug ja nicht ver­passen.

Als Vegetarierin in China

Mein Lieblingsveg­e­tari­er der Lit­er­aturgeschichte – und davon gibt es mehr, als man denken würde – ist Franz Kaf­ka, dessen Verzicht auf Fleisch sowohl unter­schwellige Patri­ar­chatskri­tik als auch Teil seines Gesund­heitswahns war. In Veg­e­tari­erkreisen wird ein Satz beson­ders gern zitiert, den Kaf­ka ange­blich über ein paar Fis­che gesagt haben soll, die er sich mit Max Brod in einem Aquar­i­um anschaute: „Nun kann ich euch in Frieden betra­cht­en. Ich esse euch nicht mehr.“

Auf nach China

Wohl kaum ein Land ist derzeit bei den Deutschen so unbe­liebt wie Chi­na. Zumin­d­est in den Kreisen, in denen ich unter­wegs bin. Fre­unde schüt­teln ungläu­big den Kopf, fra­gen, warum ich aus­gerech­net nach Chi­na gehen muss und das auch noch für ein ganzes Jahr. Ein Typ in ein­er Berlin­er Bar fragt mich gar, was ich bei den „bösen Chi­ne­sen“ will. Man wisse doch, dass ihnen nichts heilig ist, schon gar nicht die so wichti­gen Fun­da­mente unser­er Demokratie, unsere so hart erkämpften Men­schen­rechte. Flüchtige Bekan­nte fra­gen mich zudem, übri­gens oft recht unver­mit­telt, was ich denn eigentlich von den chi­ne­sis­chen Män­nern halte, die seien doch so klein, und über­haupt: Chi­na, das ist zu laut, zu unberechen­bar, zu unfrei und die Men­schen sind merk­würdig, das sehe man doch an den ganzen Touris­ten, die ständig durch Europa touren. Ich könne meinen chi­ne­sis­chen Studieren­den ja dann auch mal beib­rin­gen, eine eigene Mei­n­ung zu bilden, kri­tisch zu denken, erzählt mir ein­er dieser flüchti­gen Bekan­nten weise nick­end, während ich mir den Boden meines Wein­glases ein biss­chen genauer anschaue.