Summer remixt Schumann

Eins der außergewöhn­lich­sten Debü­tal­ben dieses Jahres ist in ein­er ganz und gar eige­nen Welt erschienen. Es han­delt sich nicht um Klas­sik, obwohl Ken­ner roman­tis­ch­er Klavier­musik immer wieder aufhorchen und sich an ver­traute Klänge erin­nert fühlen wer­den. Es ist kein Pop, auch wenn man dessen Ein­fluss auf diese Musik nicht leug­nen kann. Es ist kein Jazz, obwohl die Inter­pretin zu den tal­en­tiertesten Jaz­zpi­anistin­nen Deutsch­lands gehört.

Johan­na Sum­mers „Schu­mann Kalei­doskop“ ist eine Neuent­deck­ung in jed­er Hin­sicht. Frech und frei wühlt sich die Pianistin auf ihrem ersten Soloal­bum durch Schu­manns Kinder­szenen und das Album für die Jugend. Sie bet­tet in lan­gen, über zehn­minüti­gen Impro­vi­sa­tio­nen ver­schiedene Stücke ein, kon­trastiert, remixt, durch­dringt dabei Schu­manns Klavierkun­st bis in seine tief­sten Schicht­en und kehrt mit einem völ­lig eige­nen Sound zurück.

Ich hat­te für diese Kolumne die Freude und Ehre, mit Johan­na Sum­mer über ihre Plat­te zu sprechen.


Der Titel dein­er Plat­te lautet „Schu­mann Kalei­doskop“. Warum „Kalei­doskop“?
Die Musik war zuerst da, der Titel kam dann erst im Nach­hinein. Ich finde aber, dass er ganz gut passt, weil ich die Schumann’schen Stücke bei jedem Spie­len neu betra­chte. Dabei ergeben sich wie bei einem Kalei­doskop jedes Mal neue For­men und Far­ben. Die Plat­te ist impro­visiert, und auch live auf der Bühne ist es immer wieder anders. Ich weiß vorher nie, wo es hinge­ht. Das ist für mich ein span­nen­des Konzept: Ich lerne nicht nur mich selb­st während des Spie­lens ken­nen, son­dern auch den Raum und das Instru­ment. Wie bei ein­er Geschichte, die ich mir und dem Pub­likum in dem Moment zum ersten Mal erzäh­le.

Das heißt, die Musik ist für den Moment pro­duziert, und nur für den Moment.
Das gilt für Live-Auftritte ja sowieso immer. Und dieses Album, das ich vor unge­fähr einem Jahr aufgenom­men habe, ist auch eine Momen­tauf­nahme gewe­sen. Ein musikalis­ch­er Schnapp­schuss. Inzwis­chen habe ich mich verän­dert und kann mich teil­weise gar nicht mehr mit der Per­son iden­ti­fizieren, die das einge­spielt hat.

Was hat sich denn verän­dert?
Alles, im Prinzip. Ich ver­suche ja, mich ständig musikalisch weit­erzuen­twick­eln, ich tre­ffe auf neue Men­schen, neue Pro­jek­te ergeben sich, ich höre neue Musik, und das färbt dann auch auf die Impro­vi­sa­tio­nen ab. Ich bin immer noch der­selbe Men­sch, aber es ist alles im ständi­gen Wan­del. Im echt­en Leben verän­dert sich ja auch immer alles, im kleinen und im großen Rah­men.

Trotz­dem bilden die Schu­mann-Stücke aus den Kinder­szenen und dem Album für die Jugend einen Fix­punkt für das „Schu­mann Kalei­doskop“. Wieso aus­gerech­net Schu­mann?
Ich bin in Plauen aufgewach­sen, das ist nicht weit ent­fer­nt von Schu­manns Geburtsstadt Zwick­au. Und ich habe, wie viele Klavier­schüler, mit dem „Album für die Jugend“ Klavier­spie­len gel­ernt. Das war wirk­lich ein Weg­be­gleit­er für mich. Schon als Kind hat mich fasziniert, wie konkret Schu­mann eine bes­timmte Sache darstellt. Diese Stücke sind ja sehr kurz und auch eine Art Momen­tauf­nahme von ein­er alltäglichen Tätigkeit, einem Men­schen, einem Spiel, etc.

Deine Musik schlägt allerd­ings deut­lich größere Bögen, kon­trastiert ver­schiedene Stücke und bietet in dieser Hin­sicht einen Gege­nen­twurf dazu.
Ich wollte für dieses Pro­jekt gerne einen emo­tionalen Bezug zu meinen musikalis­chen Wurzeln her­stellen. Als ich mir diese Stücke vorgenom­men und damit herumpro­biert habe, ist es mir beson­ders leicht gefall­en, mit diesem musikalis­chen Mate­r­i­al umzuge­hen, weil es nicht ausufert. Es hat sehr konkretes pianis­tis­ches Mate­r­i­al. Davon aus­ge­hend neue Sachen zu erschaf­fen, war für mich nahe­liegen­der, als mit ein­er Bach-Fuge zu arbeit­en, die in sich schon so kom­plex ist. In einem Band-Kon­text bietet die Poly­phonie vielle­icht mehr Möglichkeit­en, Arrange­ments zu schreiben. Aber ich glaube, es ist schwierig, über Bach zu impro­visieren. Klick gemacht hat es für mich bei Schu­mann.

Wie schaust du denn auf diese Tra­di­tion von „xyz plays Klas­sik“, ange­führt von Jacques Loussier, der das Genre pop­ulär gemacht hat? Dein Pro­jekt ste­ht ja ein­er­seits in dieser Tra­di­tion, aber mein Ein­druck ist, dass es dem ander­er­seits auch den Rück­en zukehrt.
Mir ist es wichtig, kein Botschafter zu sein, wed­er für Jazz noch für Klas­sik. Ich ver­suche, mir keinen Plan zu machen, welch­es Ele­ment aus dieser Ecke mit welchem anderen Ele­ment ver­bun­den wird. Ich weiß, dass all die musikalis­chen Ein­flüsse irgend­wo in meinem Kopf da sind. Ich kann dann den Moment entschei­den lassen, was wom­it kom­biniert wird. Deswe­gen gibt es vielle­icht auch Konz­erte, die total klas­sisch klin­gen, und andere klin­gen nach Avant­garde oder Film­musik.

Und du willst qua­si eine Ebene tiefer gehen und alles neu zusam­menset­zen?
Ich will alles ver­füg­bar haben und dann selb­st wählen kön­nen, was wie viel Anteil bekommt. Ich bin kein Lehrer, der zeigen will, dass irgen­det­was geht. Es geht ein­fach so.

Beim Hören der Plat­te ist mir aufge­fall­en, dass du das Stan­dard­schema der Impro­vi­sa­tion gewis­ser­maßen umkehrst. Anstatt mit dem The­ma zu begin­nen und es dann fortzus­pin­nen, wie es schon seit der Sonaten­haupt­satz­form Usus ist, endet bei dir die Reise meis­tens bei den The­men der Impro­vi­sa­tion. Ist das ein Prinzip?
Nein. Es ist jedes Mal wieder anders. Es gibt auch Konz­erte bei denen ich vielle­icht nicht mit einem exak­ten Zitat, aber doch im Schu­mann-Ges­tus starte. Es kann dann dur­chaus so klin­gen, als hätte es auch Schu­mann schreiben kön­nen. Es gibt auch ganze Konz­erte, die sehr klas­sisch klin­gen. In denen fällt ein Orig­i­nalz­i­tat gar nicht beson­ders her­aus. Manch­mal begin­nt es vielle­icht aber auch in ein­er ganz anderen Ton­sprache.

Die drei lan­gen Impro­vi­sa­tio­nen in dem Album kom­binieren jew­eils zwei Schu­mannstücke. Zum Beispiel kon­trastierst du Glück­es genug aus den Kinder­szenen mit Erster Ver­lust aus dem Album für die Jugend. Warum hast du dich für diese Gegenüber­stel­lun­gen entsch­ieden?
Mir war klar, dass ich län­gere Stücke spie­len will, die länger als fünf Minuten dauern. Und dann ist es leichter, über gegen­sät­zliche Stim­mungen einen großen Bogen zu span­nen. Wenn man dann zwei Stücke hat, die sich vom Ges­tus her ähneln, dann hat man nicht mehr so viel Spiel­raum um die Gren­zen auszu­loten.

Ist „Schu­mann Kalei­doskop“ auch ein Spiegel dein­er, unser­er Gen­er­a­tion? Im Sinne eines Abschieds von der Kind­heit, ein­er „Quar­ter­life Cri­sis“?
Ich bekomme natür­lich ver­schieden­ste Rück­mel­dun­gen – lobende und kri­tis­che. Aber ich glaube nicht, dass das etwas mit dem Alter zu tun hat. Es hat eher damit zu tun, wie man diese Musik wahrn­immt, wo man musikalisch herkommt und wie aufgeschlossen man ist. In mein­er Gen­er­a­tion gibt es vielle­icht einen gewis­sen Ent­deck­ergeist. Ich würde aber nicht behaupten, dass ich irgen­det­was ent­deckt habe. Ich mache ein­fach das, worauf ich Lust habe. Ich ver­ste­he mich nicht als Rev­oluzzer.

Son­dern?
Als Musik­erin.

„Schu­mann Kalei­d­skop“ ist beim Label ACT erschienen und auch bei Spo­ti­fy und Deez­er ver­füg­bar. Außer­dem ist die Kün­st­lerin mit ihrem Album auf Tour.
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