Lamprecht, Albach und Kristjánsson remixen Bach

Hat die klas­sis­che Musik eine Zukun­ft? Haben uns Bach, Mozart & Co. heute noch etwas zu sagen, und wenn ja: was? Erfüllen Orch­ester, Chöre und Ensem­bles ihre gesellschaftliche Auf­gabe allein im Bewahren der musikalis­chen Tra­di­tion, oder müssen sie darüber hin­aus­re­ichen und ‑wirken?

Viele kluge Men­schen denken über der­lei Fra­gen nach, und diese Kolumne wäre mit ihrer Beant­wor­tung dieser Fra­gen vol­lkom­men über­fordert. Doch mit unserem The­ma, dem Remix, sehen wir im Jahr 2020 ein­er zen­tralen Strö­mung der mod­er­nen Musik bei der Entwick­lung zu.

Im 21. Jahrhun­dert wird so viel und mit so viel Lei­den­schaft geremixt wie seit den Zeit­en Liszts und Buso­nis nicht mehr. Deren Ära, das sogenante „Gold­ene Zeital­ter der Klavier­musik“, ging mit den neuen tech­nis­chen Möglichkeit­en des 20. Jahrhun­derts, endgültig mit dem Ersten Weltkrieg, zu Ende. Wer regelmäßig ins Kino ging, der kon­nte einem durch die Lande ziehen­den Allei­n­un­ter­hal­ter am Konz­ert­flügel plöt­zlich weniger abgewin­nen. Und vor allem: Wer wollte noch einen Hal­b­gott in Schwarz sich durch Tran­skrip­tio­nen von Beethoven-Sym­phonien stochern hören, wenn auf Schallplat­te oder im Radio Auf­nah­men ganz­er Orch­ester ver­füg­bar waren?!

Das Genre der Klavier­tran­skrip­tion, das im 19. Jahrhun­dert noch Scharen von Ver­legern, Bearbeiter*innen und Pianist*innen beschäftigt hat­te, lag brach. Das zweite gold­ene Zeital­ter des Remix war gestor­ben.

Doch auch wenn die tech­nis­che Möglichkeit der Tonaufze­ich­nung diesem Zeital­ter das Ende bere­it­ete – in Wirk­lichkeit liegt hier die Geburtsstunde des Remix als solchem. Was ist eine Tonauf­nahme schließlich anderes als die wil­lentlich (und damit let­ztlich willkür­lich) geremixte – neu gemis­chte – Ver­sion ein­er Live-Auf­führung? Plöt­zlich war der Remix als Ton­mis­chung all­ge­gen­wär­tig und zugle­ich unsicht­bar gewor­den, als wäre er im Unter­grund ver­schwun­den.

Lange sollte er dort nicht bleiben. Die elek­tro­n­is­che Musik von Karl­heinz Stock­hausen & Co. holte die Tonaufze­ich­nung schnell wieder aus den Ton­stu­dios auf die Konz­ert­bühne und remixte aufgenommenes Mate­r­i­al mit Live-Ele­menten. Par­al­lel ent­deck­ten Produzent*innen pop­ulär­er Musik, dass sich mit ein und der­sel­ben Ton­spur mehr als ein­mal Geld ver­di­enen ließ. Und im Jazz, der Musik der max­i­malen Frei­heit, machte sich der Fran­zose Jacques Loussier inter­na­tion­al einen Namen als Neu-Inter­pret von Bachs Musik.

All das kon­nte nicht ewig am klas­sis­chen Konz­ert­be­trieb vorüberge­hen, auch wenn er sich lange genug Mühe gab, so zu tun, als hätte all das nichts mit ihm zu tun. Jahre­lang wur­den auf den Konz­ert­büh­nen der Welt Sym­phonie um Sym­phonie, Oper um Oper, Kan­tate um Kan­tate aufge­führt, als sei die Welt um das Jahr 1900 ste­hen geblieben. Während die Bea­t­les bere­its aus Bach-Bouréen Welth­its wie „Black­bird“ bastel­ten, stürzte sich der Klas­sik­be­trieb auf die soge­nan­nte His­torisch informierte Auf­führung­sprax­is und verkam in Teilen fast zu ein­er antiquierten Kostümshow, die sich von der echt­en Welt um sie herum immer weit­er ent­fer­nte.

Doch spätestens seit den 2000er Jahren bricht der Damm an immer mehr Stellen. Die his­torisch informierte Auf­führung­sprax­is hat ihren berechtigten Platz gefun­den, doch immer öfter tritt ihr in den Konz­ert­pro­gram­men eine „aktuell informierte Auf­führung­sprax­is“ an die Seite. Immer mehr Kün­st­lerin­nen und Kün­stler befreien die alten Werke von den Fes­seln, für die sie nie geschrieben wur­den, und führen sie nicht für ein Pub­likum des 18. oder 19., son­dern für eins des 21. Jahrhun­derts auf.

Im Jahr 2020, das als Jahr der glob­alen Coro­na-Pan­demie in die Geschichte einge­hen wird, sitzen weite Teile des Pub­likums zu Hause – und wer­den Zeu­gen ein­er epochalen Umwälzung des Musikkon­sums. Selb­st die tra­di­tionelle, ehrwürdi­ge Auf­führung der Johannes­pas­sion auf dem Leipziger Bach­fest am Kar­fre­itag musste in diesem Jahr aus­fall­en und wich einem ganz und gar außergewöhn­lichen, zeit­gemäßen Remix.

Die Johannes-Pas­sion BWV 245 ist eigentlich ein groß angelegtes Werk für Chor, Orch­ester und zahlre­iche Solis­ten, doch Benedikt Kristjáns­son (Tenor) Eli­na Albach (Cem­ba­lo und Orgel) und Philipp Lam­precht (Schlag­w­erk) bewiesen in der Leipziger Thomaskirche, dass Bach über­all da zu Hause ist, wo zwei oder drei in seinem Namen ver­sam­melt sind.

Wer die Auf­nahme nicht gehört hat, kann sich vielle­icht nicht vorstellen, wie man ein so groß angelegtes Werk wie die Johannes-Pas­sion samt Ein­gangschor, Rez­i­ta­tiv­en und Arien auf drei Musik­er­stim­men zusam­men­le­gen kann, doch wer sie gehört hat, weiß: es geht. Und es ist weit mehr als eine Notlö­sung. Man hätte für die Ver­lassen­heit des mod­er­nen Men­schen kein besseres Bild find­en kön­nen als den im Schluss­chor allein vor sich hin­sum­menden Kristjáns­son im leeren Kirchen­schiff der Thomaskirche.

Das Arrange­ment der drei Musik­er ver­mag uns genau auf die Weise zu rühren wie das große Ensem­ble, das wir gewohnt sind zu sehen (und das mit dem der Bach-Zeit auch rel­a­tiv wenig gemein hat). Sie treiben, wie alle großen Remix-Künstler*innen, keinen Sch­aber­nack mit der Par­ti­tur, son­dern arbeit­en Schlaglichter her­aus. Stellen das Wort in den Mit­telpunkt.

Bei dem üblichen Brim­bo­ri­um, den man auf Pas­sions­büh­nen gewohnt ist, geht mitunter ver­loren, worum es Bach in erster Lin­ie ging: Eine Verdeut­lichung oder Ver­lebendi­gung der Schrift. Die drama­tis­che Reduk­tion der Beset­zung dient, wie die Beteiligten zu Pro­tokoll geben, auch und vor allem diesem Zweck: die Geschichte auf ein­dringliche Weise in den Mit­telpunkt zu stellen.

Eine solche Herange­hensweise an Werke der Klas­sik ist sicher­lich kein Ersatz für die altherge­bracht­en Auf­führungsweisen. Aber in Zeit­en, in denen hun­dert Auf­nah­men ein und des­sel­ben Werkes online jed­erzeit ver­füg­bar sind, muss man die Frage, wie viel eine hun­der­tun­der­ste Auf­name noch bringt, sehr ernst nehmen.

Der Remix ist ein­er der Auswege aus diesem Dilem­ma. Und dabei ist dies über­haupt keine neue Form, son­dern eine seit Jahrhun­derten gängige musikalis­che Prax­is. Wenn Bach selb­st seine eige­nen Werke für seine Zwecke neu und wieder neu arrang­ierte, warum soll­ten wir dies für die unseren nicht erst recht dür­fen?

Eine solche „Aktuell informierte Auf­führung­sprax­is“ ist die zen­trale Her­aus­forderung für den oft immer noch knöchri­gen Konz­ert­be­trieb des 21. Jahrhun­derts. Ide­al­er­weise führt sie nicht zu weniger, son­dern zu mehr Ver­ständ­nis unseres musikalis­chen Erbes. Natür­lich geht auf diesem Weg auch vieles schief. Nicht jedes dieser Pro­jek­te gelingt. Aber wenn sie es tun, ver­tiefen sie im besten Fall unser Ver­ständ­nis für die Kun­st, die wir manch­mal nur zu ken­nen glauben.

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