Hoger und Notker remixen gregorianische Choräle

Wer ist der Erfind­er des Remix? Wer kam als erstes auf die Idee, Musik zu arrang­ieren, zu bear­beit­en? Wo hat alles ange­fan­gen?

Der­lei Fra­gen sind wichtig, wenn man sich mit der Geschichte des Remix beschäftigt, aber hin­ter ihnen ste­ht eine sehr mod­erne Denkweise, und daher sind sie im Grunde falsch gestellt. Am Anfang der abendländis­chen Musik als Ganz­er ste­ht näm­lich eine gigan­tis­che musikalis­che Trans­fer­leis­tung – wenn man so will, ein gigan­tis­ch­er Remix.

Mitte des 8. Jahrhun­derts war es kein Gerin­ger­er als Karl der Große, der seinem sich von der Elbe bis zum Atlantik erstreck­enden Reich eine musikalis­che Reform ungekan­nten Aus­maßes verord­nete. An die Stelle des musikalis­chen Flick­en­tep­pichs, der bish­er die litur­gis­che Prax­is in Kirchen und Klöstern bes­timmte, würde ein ein­heitlich­es Reper­toire päp­stlich abge­seg­neter Gesänge treten, die – so der ambi­tion­ierte Plan – en bloc aus Rom über die Alpen importiert wer­den soll­ten.

Das kon­nte nicht gut­ge­hen, und zwar aus ver­schiede­nen Grün­den. Zunächst ein­mal gab es zuvor auch in Rom keinen klar definierten (geschweige denn einen ver­schriftlicht­en!) musikalis­chen Kanon, den man ein­fach per Boten über die Alpen hätte schick­en kön­nen. Viel schw­er­er jedoch wog, dass die Franken sprung­hafte und auss­chweifende Melo­di­en und eine vol­lkom­men andere Gestal­tung des Textes gewohnt waren und ihnen der Zugang zu den repet­i­tiv­eren, ger­adezu hyp­no­tisieren­den Melo­di­en der Römer fehlte. Ein römis­ch­er Geschichtss­chreiber spot­tete gar über „die Kör­p­er von jen­seits der Alpen mit ihren dröh­nend don­nern­den Stim­men, die [die] eigentliche Süße der über­nomme­nen Melodie nicht wiedergeben kön­nen“.

Was sich um 800 im ganzen Reich Karls des Großen etablierte, war fol­glich nicht der ursprünglich geplante Direk­tim­port aus Rom, son­dern mit den Worten des Gre­go­ri­anik-Experten Ste­fan Klöck­n­er ein „Schmelzpro­dukt“ (sagen wir der Ein­fach­heit hal­ber: ein Remix), in dem die römis­chen Choräle in eine neue Form über­führt wur­den.

Ein Ver­gle­ich macht deut­lich, wie stark sich die (im Kern noch gle­ichen) Gesänge unter­wegs verän­derten. Der altrömis­che Choral kreist wie ein ori­en­tal­is­ch­er Tem­pelge­sang per­ma­nent um sich selb­st. Ihm geht es über­haupt nicht um eine sin­ngebende Gestal­tung der Textsil­ben.

In der kanon­isierten Form des gre­go­ri­an­is­chen Chorals wurde daraus Fol­gen­des:

Aber ein echter Remix im mod­er­nen, in unserem Sinne, war das noch nicht. Schließlich war hier doch nie­mand am Werk, der aktiv die römis­chen Melo­di­en verän­dert hätte – sie verän­derten sich unter dem Ein­fluss ein­er anderen musikalis­chen Kul­tur.

Die „Erfind­ung“ des Remix im Sinne ein­er aktiv­en Umgestal­tung des melodis­chen Mate­ri­als fällt aber in den gle­ichen Zeitraum und hängt unmit­tel­bar mit den Geschehnis­sen rund um die Ein­führung des gre­go­ri­an­is­chen Chorals im karolingis­chen Reich zusam­men.

Zwei Entwick­lun­gen lassen sich unter­schei­den, die unge­fähr gle­ichzeit­ig abliefen und, jede für sich, immer­hin mit einem Büch­lein und einem Ver­fasser­na­men beleg­bar sind. (Kein­er der bei­den maßt sich aber auch nur die Behaup­tung an, erfun­den zu haben, was er beschreibt.)

Das erste dieser Büch­lein ist das Liber Ymno­rum (Hym­nen­buch) eines gewis­sen Notk­er I., auch Notk­er der Dichter oder Notk­er Bal­bu­lus (der Stot­ter­er) genan­nt. Notk­er wurde um 840 geboren, also zu ein­er Zeit, da das neue Liedgut ein­er­seits schon etabliert war, aber ander­er­seits noch nicht auf eine lange Tra­di­tion der Über­liefer­ung zurück­blick­en kon­nte. Für die Zeitgenossen waren die gre­go­ri­an­is­chen Gesänge noch immer ver­hält­nis­mäßig neu und vor allem: schlecht zu merken. Notk­er selb­st schreibt:

Als […] die über­lan­gen Melo­di­en, so oft im Gedächt­nis eingeprägt, aus dem unbeständi­gen Herzelein wieder entran­nen, fing ich im Stillen zu über­legen an, welch­er Art ich sie wohl fes­t­binden kön­nte. [Ü: Wol­fram von den Steinen]
Cum […] melo­di­ae longis­si­mae, saepius memo­ri­ae com­men­datae, insta­bile cor­cu­lum aufuger­ent, coepi tac­i­tus mecum vol­vere, quon­am modo eas potuer­im col­li­gare.

Die „melo­di­ae longis­si­mae“ – eine Son­der­form gre­go­ri­an­is­ch­er Choräle, die in der Tat kaum enden wollen und dem armen Gesangss­chüler keinen zu Hil­fe eilen­den Text enthal­ten, son­dern nur die end­los langge­zo­gene Schlus­silbe ‑ia des Wortes „Alleluia“ – kon­nte er sich nur mit­tels eines Tricks ein­prä­gen: Er begann, Verse zu schreiben, die den über­liefer­ten Melo­di­en unter­legt, oder bess­er: ent­langge­führt wer­den kon­nten.

Aus dieser Grun­didee entwick­elte sich im 9. Jahrhun­dert eine eigen­ständi­ge musikalis­che Form (die soge­nan­nte „Sequenz“), die aus den über­liefer­ten Alleluia-Melo­di­en erwuchs, aber des öfteren weit über sie hin­aus­ging und neue melodiöse Wege ein­schlug.

Mit der ersten schriftlich beleg­baren Aus­gestal­tung der Sequenz ste­ht Notk­er exem­plar­isch für die allererste Form des musikalis­chen Remix: die soge­nan­nten Tropen. Je nach Geschmack vari­ierten diese Tropen mal die Melodie, mal den Text der über­liefer­ten Choräle und entwick­el­ten ein der­ar­tiges Eigen­leben, dass kirch­liche Autoritäten ein ums andere Mal verge­blich ver­sucht­en, sie auszumerzen.

Musikhis­torisch fol­gen­re­ich­er noch als die Erfind­ung der Tropen war aber eine ganz andere Entwick­lung, die in der Prax­is wahrschein­lich noch älter ist, aber erst um 900 in ein­er Schrift mit dem poet­is­chen Titel Musi­ca Enchiri­adis fest­ge­hal­ten wird. Ihr Ver­fass­er kann nicht zweifels­frei benan­nt wer­den, wahrschein­lich war es ein gewiss­er Abt Hoger aus dem Kloster Wer­den im heuti­gen Essen.

Die Musi­ca Enchiri­adis beschreibt eine andere Form des Remix: Aus­ge­hend von der Beobach­tung, dass ein und dieselbe Melodie in ver­schiede­nen Ton­la­gen gesun­gen wer­den kann (z.B. von Män­ner- und Frauen- bzw. Knaben­stim­men), führt es die musik­the­o­retis­chen Grund­la­gen ein­er Prax­is aus, die es „Dia­pho­nia“ (wörtlich: auseinan­derklin­gen­der Gesang) nen­nt:

[N]un wollen wir ver­fol­gen, was im Eigentlichen Kon­so­nanz heißt und ist, das heißt wie sich die Töne ver­hal­ten, wenn man sie zusam­men (gle­ichzeit­ig) singt. Das näm­lich ist es, das wir auseinan­derklin­gen­den Gesang oder gewöhn­lich organum nen­nen. (Ich nenne ihn) auseinan­derklin­gend, wenn er nicht in einem ein­för­mi­gen Erklin­gen beste­ht, son­dern in einem Zusam­mensin­gen, das ein­trächtig-ver­schieden klingt. [Ü: Petra Weber]
[N]unc id, quod pro­prie sim­pho­ni­ae dicun­tur et sunt, id est qualiter eae­dem voces sese in unum canen­do habeant, pros­e­qua­mur. Haec namque est, quam dia­pho­ni­am can­tile­nam vel assuete organum nun­cu­pa­mus. Dic­ta autem dia­pho­nia, quod non uni­for­mi canore con­stet, sed con­cen­tu con­corditer dis­sono.

Was die Musi­ca Enchiri­adis beschreibt, ist nicht mehr oder weniger als die Grund­lage der abendländis­chen Mehrstim­migkeit – zunächst das par­al­lele Nebeneinan­der-her-Sin­gen in Quart‑, Quint- oder Oktavpar­al­le­len:

Abbil­dung aus dem ältesten über­liefer­ten Manuskript der Musi­ca Enchiri­adis. Staats­bib­lio­thek Bam­berg Msc.Class.9

Diese Ergänzung der Melodie um eine par­al­lele „Organum“-Stimme dient zunächst ein­mal nur der Ver­stärkung, bzw. Anre­icherung des Gesun­genen:

Plöt­zlich aber entwick­elt diese Organum-Stimme ein Eigen­leben und geht auf die Haupt­stimme zu:

Abbil­dung aus dem ältesten über­liefer­ten Manuskript der Musi­ca Enchiri­adis. Staats­bib­lio­thek Bam­berg Msc.Class.9

Diese Textstelle, exakt diese Textstelle, ist der Beginn der abendländis­chen Musikkul­tur. Hier begin­nt sich ein Musikdichter – ganz zaghaft noch und mit enormem musik­the­o­retis­chem Recht­fer­ti­gungs-Über­bau – von der strik­ten Vor­gabe der Melodie zu befreien und eigene, neue Wege zu beschre­it­en. Das erste wirk­lich mehrstim­mige Werk der Welt­geschichte klingt so:

Mit dieser buch­stäblich uner­hörten Umbiegung der alten Choräle – natür­lich von Anfang an gegen den erbit­terten Wider­stand der Tra­di­tion­swächter – ist ein Stein ins Rollen gebracht, der seit nun­mehr 1100 Jahren immer wieder alles mit sich reißt, was sich ihm in den Weg stellt.

Aus dem Wider­stre­it von musikalis­chen Regeln und ihrer Prax­is, von Alt und Neu, von tradierten Werten und ihrer the­o­retis­chen und prak­tis­chen Weit­er­en­twick­lung, kurz: aus dem Geist des Remix, ist seit dem Mit­te­lal­ter all das her­vorge­gan­gen, was wir heute unter der west­lichen Musik ver­ste­hen. Ohne die Pio­niere, die in den Klöstern des 9. Jahrhun­derts nah­men, bear­beit­eten und weit­er­en­twick­el­ten, was sie an über­liefer­tem Mate­r­i­al vor­fan­den, ist kein Chor, kein Orch­ester, keine Big Band, kein Schlager und kein Bat­tle-Rap denkbar.

Der Rück­blick auf Notk­er, Hoger und all die anderen, die im 9. Jahrhun­dert das Fun­da­ment für die gesamte west­liche Musik legten, macht aber auch den Blick frei für eine eben­so fun­da­men­tale wie oft überse­hene Ein­sicht: Remix ist keine irgend­wie zweitrangige, vom Rest der Geschichte zu tren­nende Kun­st­form. Remix ist vielmehr der Kern der musikalis­chen Inno­va­tion an sich.

Lit­er­atur
Ste­fan Klöck­n­er: Hand­buch Gre­go­ri­anik. Ein­führung in Geschichte, The­o­rie und Prax­is des Gre­go­ri­an­is­chen Chorals. Regens­burg 2009
Petra Weber (Hrsg.): Musi­ca Enchiri­adis. Pader­born 2016
Wol­fram von den Steinen (Hrsg.): Notk­er der Dichter und seine geistige Welt. Bern 1948.

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1 Comment

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  1. 1
    Irina

    … Und in der heuti­gen Zeit erfährt wiederum die Gre­go­ri­anik einen „Remix“. Mein Chor studiert ger­ade das „ubi car­i­tas et amor“ von Morten Lau­rid­sen ein und vor Jahren hat­te ich schon die Ver­sion von Mau­rice Duru­flé am Wick­el. Scheint ein richtiger Hit zu sein, der immer wieder aufgenom­men wird.

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