Dietsch remixt Wagner

Die Remixe, mit denen wir uns in dieser Kolumne beschäftigen, entstehen in der Regel nach dem Vorbild berühmter Werke. Wenn wir davon ausgehen, dass ein Remix das musikalische Pendant zu einer literarischen Übersetzung ist, dann muss es ein Original geben, das als Vorlage dient, oder?

Nicht immer, wie wir in dieser Folge sehen werden. Der Remix, um den es hier gehen soll, eroberte schon die Opernbühne, als von einer „Vorlage“ noch gar keine Rede sein sollte – in gewissem Sinne ist sogar fraglich, wer hier überhaupt was „remixte“.

Unsere Geschichte beginnt am 2. Juli 1841, in der Grand Opéra in Paris. Hier hatte ein völlig unbekannter deutscher Immigrant, ein armer Schlucker ohne finanzielle Mittel oder einflussreiche Kontakte noch dazu, die Idee für eine neue Oper eingereicht, die dem Direktor des prestigeträchtigen Opernhauses durchaus zusagte. Um einen verfluchten Kapitän sollte es gehen, der Jahr um Jahr rastlos über die Weltmeere segelt, ehe er von der Liebe einer jungen Frau von seinem Schicksal erlöst wird. Wie gemacht für eine dramatische Oper.

Nur der Name und das kompositorische Können des jungen Deutschen schien ihm nicht geeignet, das Projekt zum Erfolg zu führen. Richard Wagner? Im Paris der 1840er Jahre, im Paris der Meyerbeers und Donizettis, die als Stars der Musikwelt Vermögen verdienten, war so einer kein Pferd, auf das man als Operndirektor setzte. Das Publikum war anspruchsvoll in jener Zeit, die Oper das zentrale gesellschaftliche Ereignis, und Misserfolge konnte er sich im Grunde nicht erlauben.

Ein sichererer Kandidat schien da – zumindest aus Sicht des in musikalischen Dingen vollkommen überforderten Operndirektors Léon Pillet, der nur dank politischer Klüngelei an seinen Job gekommen war – der Chordirektor der Oper zu sein. Pierre-Louis Dietsch, Kontrabassist und Komponist mit akademischen Weihen, erhielt also den Auftrag, aus der Idee des jungen Deutschen etwas zu machen, das beim heimischen Publikum reüssieren könnte.

Was da eigentlich am 2. Juli zwischen Richard Wagner und Léon Pillet für den im Vergleich eher kärglichen Preis von 500 Francs den Besitzer wechselte, ist nicht ganz klar: Denn es wurde weder die Musik noch das Libretto (das im Übrigen noch überhaupt nicht fertig war) übertragen, noch konnte Wagner irgendwelche Urheberrechte für den Stoff für sich beanspruchen, schließlich hatte er sich selbst wiederum an einer Erzählung von Heinrich Heine bedient, eines weiteren deutschen Exilanten in Paris zu jener Zeit. Und das Exposé Wagners (wie man es heute vielleicht nennen würde) war in schludrig geradebrechtem Französisch abgefasst – für die Opernbühne geeignet war es in keiner Weise. Vielleicht wollte Pillet den aufdringlichen Deutschen auch einfach nur abwimmeln.

Kurzum: Wagner konnte in seiner prekären Situation froh sein, überhaupt etwas Geld vom Opernhaus für sein Projekt zu erhalten. Das, was in der Folge aus seiner Idee gemacht wurde, hatte mit seiner ursprünglichen Idee eines schaurig-pathetischen Einakters jedenfalls wenig gemein. Der Stoff wurde zwei bewährten (selbstredend französischen) Librettisten anvertraut, die daraus einen eineinhalbstündigen, gefälligen Zweiakter machten, auf den – so die Gepflogenheit der Zeit – ein „großes romantisches Ballett“ folgen sollte.

Am 9. November 1842 feierte „Le vaisseau fantôme“ Premiere – in Abwesenheit und wohl auch ohne gesteigertes Interesse des „Ideengebers“ Wagner“, der Paris zu diesem Zeitpunkt schon wieder gen Dresden den Rücken gekehrt hatte.

Von seinen eigenen Opernideen abbringen lassen hatte er sich durch den Deal mit Pisset ohnehin nicht – ein weiterer Hinweis darauf, dass es sich bei den 500 Francs eher um eine symbolische Zahlung gehandelt hatte. Während Dietsch seine Idee für die große Bühne vorbereitete, schrieb Wagner unverdrossen ins Blaue hinein an seinem „Fliegenden Holländer“, für den er weder Verlag noch Vertrag noch Bezahlung noch Aufführungsort hatte. Dass sein Werk in Dresden bereits am 2. Januar 1843, also nur knapp zwei Monate nach Dietschs Pariser Version, uraufgeführt werden konnte, verdankte er nur glücklichen Zufällen.

Es ist dies die wohl klassische Gegenüberstellung: Hier der arrivierte, fest angestellte, gut vernetzte Auftragskomponist Dietsch – dort der arme, aber frei auf eigenes Risiko arbeitende Wagner. Die Geschichte hat längst entschieden, wer das Rennen gemacht hat. Doch hat die Geschichte auch recht?

Seit dem Jahr 2013 kann der interessierte Hörer beide Versionen der Oper vergleichen. Dietschs Werk war nach gerade einmal elf Aufführungen in den Jahren 1842 und 1843 wieder dem Vergessen anheim gefallen (offenbar war die Inszenierung grauenvoll), ehe sich der Dirigent Marc Minkowski und das Ensemble Les Musiciens du Louvre 170 Jahre später wieder dafür interessierten und eine Weltersteinspielung von Dietschs Werk – im Verbund mit einer Aufnahme des „Fliegenden Holländers“ vorlegten.

Allein ein Vergleich der beiden Ouvertüren zeigt, wie unterschiedlich da zwei Komponisten mit ihrem Stoff umgingen. Ein Remix ist dies natürlich in jenem oberflächlichen Sinne, dass Dietsch eine Idee Wagners mit eigenen Mitteln vertonte. Doch dieser Vergleich bietet einen faszinierenden Einblick in die Welt der Oper Mitte des 19. Jahrhunderts.

Beide, Dietsch wie auch Wagner, beschwören musikalisch die aufgewühlte See herauf, über die der verfluchte Holländer segelt, beide setzen Blechbläserfanfaren gegen chromatische Streichertremoli – und doch: welch ein Unterschied! Wie körperlich ergreifend ist die See hier, wie oberflächlich bleibt sie dort!

Man sieht sich immer zweimal im Leben. Als Richard Wagner, der inzwischen mit Tristan und Isolde weit in die musikalische Zukunft vorgedrungen war, zwanzig Jahre später nach Paris zurückkehrte, um seinen Tannhäuser in der Welthauptstadt der Oper zum Erfolg zu machen, war kein anderer als Pierre-Louis Dietsch der Dirigent, erneut zum Missfallen Wagners, der diesem die Schuld für den Misserfolg seiner Oper auf dem Pariser Parkett zuschrieb – dabei war Wagner selbst und sein ungewöhnliches Werk der Fremdkörper in der französischen Opernszene, und es gibt Hinweise auf Sabotage aus den Reihen des Orchesters, das mit Wagners Sound ebensowenig anfangen konnte wie das Pariser Publikum.

Bis Wagners „Fliegender Holländer“ in Paris gespielt wurde, dauerte es nach diesem Fiasko dann auch noch fast vierzig Jahre. Erst 1897, als das Werk schon in ganz Europa und darüber hinaus Erfolge gefeiert hatte, hielt es an der Seine Einzug. Die einstmals unangefochtene Stellung als Nabel der internationalen Opernwelt hatte Paris da schon längst eingebüßt – unter anderem weil Richard Wagner knapp 700 Kilometer östlich ein gigantomanisches Projekt zum Abschluss gebracht hatte, das bis heute Jahr für Jahr Opernfans aus aller Welt anzieht.

Weitere Lektüre:
Alexandre Dratwicki/Curt A. Roesler: Die vergessene Oper. Vom fliegenden Holländer zum Geisterschiff. http://operalounge.de/die-vergessene-oper/vom-geisterschiff-zum-fliegenden-hollander
Volker Hagedorn: Der Klang von Paris. Eine Reise in die musikalische Metropole des 19. Jahrhunderts. Rowohlt 2019

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