Berberian und Andriessen remixen die Beatles

Am 5. Juli 1925, also vor ziem­lich genau 95 Jahren, kam im US-Bun­desstaat Mass­a­chu­setts eine der faszinierend­sten musikalis­chen Per­sön­lichkeit­en des 20. Jahrhun­derts auf die Welt. Ob ihr Name, Cathy Berber­ian, zu mehr Wel­truhm gelangt wäre, wäre sie ein Mann gewe­sen, ist eine Frage, die zu erörtern hier nicht der Ort ist. Fest ste­ht: Er gebührt ihr.

Cathy Berber­ian wuchs als Tochter armenis­ch­er Ein­wan­der­er in den USA auf, erhielt ihre klas­sis­che Oper­naus­bil­dung in Paris und Mai­land und blieb zeitlebens Kos­mopolitin, Nonkon­formistin und musikalis­ch­er Freigeist. Nicht nur die Gren­zen der Staat­en, in denen sie lebte, auch die Gren­zen ihres Fachs wur­den ihr schnell zu eng. Sie war der Volksmusik eben­so zuge­tan wie der Avant­garde und wollte mit ihrer außergewöhn­lich viel­seit­i­gen, drei Oktaven umfassenden Stimme mehr sin­gen als das übliche klas­sisch-roman­tis­che Opern­reper­toire.

Gemein­sam mit ihrem Mann, dem Kom­pon­is­ten Luciano Berio, sowie mod­ern denk­enden und schreiben­den Kün­stlern wie John Cage machte sie sich in den 1950er- und 60er-Jahren auf zu neuen Ufern. Ihre Urauf­führung von Cages Aria stieß die Tür zu ein­er neuen Ära der Vokalmusik auf.

Aria, ein Stück, das Cage für und mit Cathy Berber­ian schrieb, übertrug die Ideen der Neuen Musik kon­se­quent auf die Stimme, bess­er gesagt: auf die Per­son auf der Bühne. Die „Sän­gerin“ singt hier nicht nur, sie spricht, schnipst, klatscht, trällert, lacht, schre­it, schnalzt …

Die Ver­wis­chung der Gren­ze zwis­chen Geräusch und Musik, Sprache und Gesang, Welt und Kun­st wur­den zu den Merk­malen der „New Vocal­i­ty“. Dazu gehörte auch eine Ver­wis­chung der Gren­ze zwis­chen – in diesem Fall – Kom­pon­ist und Inter­pretin. Cages grafis­che Par­ti­tur set­zt eine aktiv mit-kom­ponierende Inter­pretin voraus, die zu ein­er selb­st­be­wussten, viel­seit­i­gen Per­for­mance auf der Bühne fähig ist – eine Inter­pretin, wie er sie in Berber­ian fand.

Doch diese trat auch als Kom­pon­istin in Erschei­n­ung. Ihr berühmtestes Werk, Strip­sody von 1966, ist eine Hom­mage an die ger­ade erblühende Kun­st der Comics, ein synäs­thetis­ches Vergnü­gen zwis­chen Grafik, Klang und Per­for­mance.

Als geborene Tausend­sas­sa war Berber­ian neben­bei noch in der Salon­musik aktiv, spielte mit Nico­laus Harnon­court L’Or­feo auf Schallplat­te ein und rei­hte sich gemein­sam mit Umber­to Eco in die illus­tre Rei­he der Woody-Allen-Über­set­zerin­nen ein.

Bei dieser intellek­tuellen Power­bi­ogra­phie wun­dert es nicht, dass Berber­ian auch auf dem Gebi­et des Remix unter­wegs war – und das mit ein­er der wun­der­sam­sten Ein­spielun­gen, die dieses Genre her­vorge­bracht hat. 1969, die Bea­t­les standen ger­ade im Zen­it ihres Ruhms, brachte sie eine Plat­te mit 12 Bea­t­les-Cov­er­songs her­aus.

Berber­ian wäre jedoch nicht Berber­ian gewe­sen, hätte sie diese Lieder ein­fach so einge­sun­gen. Stattdessen pro­duzierte sie aus den Hits der Bea­t­les gemein­sam mit befre­un­de­ten Kom­pon­is­ten und Arrangeuren Remixe im Stil des Barocks – absurde Ver­frem­dun­gen, die wohl nur Berbe­ri­ans unnachahm­liche Vir­tu­osität vor der Lächer­lichkeit bewahrte.

So hat­te man die Bea­t­les noch nie gehört – und so wird man sie auch lange nicht wieder hören. Berbe­ri­ans und Andriessens Stilmimikry ist natür­lich durch die maßlose Über­spitzung selb­stiro­nisch gebrochen und ger­ade dadurch wiederum eine Hom­mage, keine Per­si­flage der erfol­gre­ichen Songs.

Mit ihrem gewitzten Auftreten nahm sie auch jenes Genre aufs Korn, dass sich der Werke des Barock und der Klas­sik annahm und diese als Crossover- oder Jazz-Remix­es auf den Markt brachte. Anstatt Bach, Hän­del & Co. in den Sound ihrer Zeit zu tauchen, nahm sie den Sound ihrer Zeit und warf ihm das Gewand der Hän­del­jahre über. Durch diese einzi­gar­tig ver­rück­te musikhis­torische Schubumkehr gebührt Berbe­ri­ans Plat­te Bea­t­les Arias ein Ehren­platz in der Ahnen­ga­lerie des Remix.

Cathy Berber­ian starb viel zu früh im Jahr 1983. Eine Kün­st­lerin wie sie hat die Welt sei­ther nicht mehr gese­hen.

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