Bach remixt Bach

Bisher sind wir in dieser Kolumne recht kursorisch durch die Musikgeschichte geschlendert und nicht im Sinne einer kohärenten „Historie des Remix“ durch die Epochen gewandert.

Man könnte den Eindruck gewinnen, das Bearbeiten fremder Musik kenne keine Traditionen oder Zusammenhänge. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Remix war zwar immer ein Bestandteil abendländischer Musikkultur – aber wie alle Kunstformen ist er durch Hoch- und Tiefphasen gegangen und hat Schulen gebildet, die über Jahre stilbildend wirkten.

Wer sich intensiver mit der Geschichte des Remix befasst, der wird drei Phasen erkennen, in denen diese besondere Kunstform blühte wie nie zuvor und nie wieder danach.

  • Im Barock war die musikalische Praxis noch lange nicht so auf den Notentext festgelegt wie schon wenige Jahre später, zur Hochzeit der Klassik. Die losere Auslegung von Instrumentierungs- oder auch Begleitungsfragen ließ Interpreten, aber auch anderen Komponisten, größere Freiheit, mit Notentexten umzugehen. Dies führte zu einer florierenden Kultur der Transkription und Bearbeitung. Verbunden ist diese Phase vor allem mit den Namen Händel und Bach.
  • Die zweite Hochphase des Remix war rund 100 Jahre später die Romantik, insbesondere die romantische Klaviermusik. Infolge einer neuen, vom Virtuosentum beeindruckten Konzertpraxis, hatten Transkriptionen bekannter Symphonien oder Lieder für Klavier solo Hochkonjunktur. Geprägt wurde dieses „goldene Zeitalter des Klaviers“, wie es gelegentlich genannt wird, von komponierenden Pianisten, wie Franz Liszt, Ferruccio Busoni und Leopold Godowsky.
  • Das dritte „goldene Zeitalter des Remix“ scheint das 21. Jahrhundert zu sein. Nachdem, zumindest in der klassischen Musik, das 20. Jahrhundert von der technischen Reproduktion geprägt war, tritt in den letzten Jahren in zahlreichen Varianten eine neue Kultur des Remix auf den Plan, die kreativ und spielerisch mit dem Erbe der Klassik umgeht. Pioniere dieser Praxis waren Größen wie Jacques Lussier, für die letzte Vergangenheit wären Namen wie Gabriela Montero oder Sven-David Sandström (neben einer Vielzahl anderer Namen) zu nennen.

In dieser und den folgenden zwei Kolumnen stelle ich jede dieser Epochen anhand von charakteristischen Werken vor, und zwar jeweils anhand einer Bearbeitung eines Werkes von Johann Sebastian Bach – dem wahrscheinlich am meisten bearbeiteten Komponisten Europas überhaupt.

Ausgangspunkt dieser Tradition ist kein Geringerer als genau dieser Johann Sebastian Bach selbst. Sein Werk ist voll von sogenannten Parodien, also Selbst-Remixes – denn Bach war ein Meister darin, eigene Hits für neue Zwecke umzuarrangieren. Das bekannteste Beispiel dürfte das weltbekannte „Weihnachtsoratorium“ sein, das zu großen Teilen aus Versatzstücken zuvor entstandener Werke entstand.

So klingt der berühmte Eingangschor in der „Urfassung“, der Kantate „Tönet, ihr Pauken!“ BWV 214, so:

In diesem Fall unterlegte Bach seiner Musik einfach einen neuen Text – ein durchaus übliches Verfahren, das Kontrafaktur genannt wird. In anderen Fällen ging Bach aber auch deutlich darüber hinaus und arbeitete die Musik für neue Besetzungen ganz und gar um.

Das berühmteste Beispiel für diese Art der Bach’schen Selbstbearbeitung sind wohl seine Konzerte für Cembalo (bzw. Cembali) und Orchester sein. Diese entstanden in Bachs Leipziger Jahren, als er neben seiner Stellung als Thomaskantor ein studentisches Instrumentalensemble leitete, mit dem er auf hohem Niveau weltliche Werke zur Aufführung bringen konnte.

Mit diesem Ensemble führte Bach zunächst seine früheren Orchesterwerke (z.B. die Brandenburgischen Konzerte) auf. Woran es lag, dass sich Bach in seinem kompositorischen Schaffen sehr bald stark auf Cembalokonzerte konzentrierte, ist nicht restlos geklärt – es wird vermutet, dass er seinen eigenen, pianistisch ausgebildeten Söhnen die Möglichkeit zum Konzertieren geben wollte. Diese Theorie erklärt auch, warum er Extravaganzen wie Konzerte für drei oder sogar vier Cembali zu Papier brachte, die heute freilich nur noch selten aufgeführt werden.

Unter den Konzerten, die Bach für Cembali bearbeitete, war auch jenes Violinkonzert, das heute zu seinen bekanntesten Werken überhaupt gehört: das Konzert für zwei Violinen in d-Moll BWV 1043. In seiner Fassung für zwei Cembali und in c-Moll wird es deutlich seltener gespielt, dabei entfaltet auch diese Instrumentierung eine intensive Wirkung. Ein Vergleich der beiden Partituren, wie im folgenden Video besonders schön zu sehen, macht deutlich, dass Bach nicht nur die Solopartien abschrieb, sondern immer wieder für das Cembalo umarbeitete und neue kontrapunktische Stimmen hinzukomponierte.

Die Nachwelt hat Bachs Selbst-Bearbeitungen eher pikiert zur Kenntnis genommen und ihr keinen höheren Stellenwert beigemessen. Dabei zeugen diese Remixes nicht nur von Bachs genauer Kenntnis der Instrumente, für die er schrieb, sondern auch von seiner bemerkenswerten Kreativität und Flexibilität im Umgang mit seiner Musik.

Inbesondere mit seinen Klavierkonzerten legte er den Grundstein für die Tradition der Bach-Bearbeitungen, die sich bis heute bei Musikfreunden auf der ganzen Welt großer Beliebtheit erfreut und die gleiche Beliebtheit – davon darf man ausgehen – auch bei ihrem Urvater Johann Sebastian Bach gefunden hätte.

Nach Bachs Tod ruhte seine Musik etwa 100 Jahre lang, ehe sie Mitte des 19. Jahrhunderts eine große, bis heute anhaltende, Renaissance erfuhr. Verantwortlich dafür waren unter anderem einige Pianisten, die sich Bachs Werke neu aneigneten, genau wie er sich seine eigenen Werke Anfang des 18. Jahrhunderts noch einmal neu angeeignet hatte. Diesen werden wir uns in der nächsten Kolumne widmen.

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