Hauptsache süß

Meine chi­ne­sis­chen Studieren­den, die sich seit Wochen tapfer durch Online-Sem­i­nare quälen, haben ein deutsches Lieblingswort, das sie immer und immer wieder ver­wen­den. Wenn ich sie auf­fordere eine Per­son zu beschreiben oder ihre Mei­n­ung zu Musik, Pop­kul­tur oder Film­stars ein­hole, lan­den wir stets bei der­sel­ben Vok­a­bel: „süß“. Fort­geschrit­tenere ver­wen­den auch gern mal Syn­onyme wie „niedlich“ oder gar „liebenswürdig“. Die Studieren­den find­en auch mich „süß“, obwohl ich ihre Dozentin bin und sie mit der deutschen Sprache ärg­ere. Für sie gibt es jedoch kein größeres Kom­pli­ment als jeman­den mit diesem Prädikat zu verse­hen.

Man kann sich diesem Süßheits­fak­tor in Chi­na wie auch in vie­len anderen asi­atis­chen Län­dern kaum entziehen. Er begeg­net einem fast über­all und das nicht nur in rhetorisch­er, son­dern vor allem in physis­ch­er Form, näm­lich in den Tausenden von Shop­ping Malls mit glitzern­den Schaufen­stern voller kau­gum­mi­far­ben­er Stofftiere und Klei­der­stan­gen mit pastel­li­gen Schul­mäd­chenout­fits. Das Süße hat in Ostasien eine ganz eigene Ästhetik.

Und diese kommt eigentlich aus Japan – dort hat sich in den siebziger und achtziger Jahren das Konzept „Kawaii“ mit seinem Verkauf­ss­chlager Hello Kit­ty durchge­set­zt und später auch in Tai­wan und Chi­na ver­bre­it­et. Der Begriff „Kawaii“ bedeutet zwar „süß“, greift aber in sein­er Bedeu­tung noch weit­er:  „Niedlich“, „liebenswürdig“, aber auch „kindlich“ oder „attrak­tiv“ wer­den von ihm umfasst. Das chi­ne­sis­che Pen­dant „Kě’ài“ ist da ger­adlin­iger und bedeutet wortwörtlich „liebenswürdig“.

Kawaii oder Kě’ài sind auf den ersten Blick natür­lich Kom­merz. Minis­chweinchen mit Schleifen, mit Rüschen überse­hene Pup­pen für Erwach­sene und rosane Schaf­fell­jack­en sind essen­zieller Bestandteil der ostasi­atis­chen Kon­sumkul­tur, die sich auch gut in west­liche Gefilde exportieren lassen, auch wenn es hier oft­mals etwas abw­er­tend als Kitsch abge­tan wird. Wie sehr Niedlichkeit­side­al jedoch auch in der chi­ne­sis­chen Kul­tur ver­wurzelt ist, wurde mir wie immer erst durch meine Chi­ne­sisch-Lehrerin wirk­lich klar.

In ein­er ihrer ersten Stun­den erk­lärte sie, dass chi­ne­sis­che Frauen oft einen a‑Laut am Satzende hinzufü­gen. Warum? Weil es süß klingt – und man so klin­gen sollte, vor allem wenn man unver­heiratet ist und noch jeman­den beein­druck­en musst. Ein san­ft­mütiges, weich­es, infan­tiles Auftreten, das sich sowohl im Äußeren als auch in der Stimme wider­spiegeln, gilt als fem­i­nin und schutzbedürftig, und soll sug­gerieren, dass die Frau eines Mannes bedarf. Das hat oft wenig mit dem tat­säch­lichen Charak­ter der Frauen zu tun, son­dern ist ein antrainiertes Rol­len­spiel, das tief ver­ankerte kul­turelle Ide­ale bedi­ent.  

In vie­len Bere­ichen wur­den die patri­ar­chalen Struk­turen bere­its gelock­ert, aber wenn es um Dat­ing geht, ist der Druck auf bei­de Parteien groß. Auf­grund der rig­orosen Ein-Kind-Poli­tik gibt es derzeit eine Überzahl an Män­nern, die nun Prob­leme haben Ehe­frauen zu find­en, und sich in ihrer Verzwei­flung Ehe­frauen aus den Nach­bar­län­dern kaufen. Mehr als je zuvor erwer­ben chi­ne­sis­che Frauen Hochschu­la­b­schlüsse und machen Kar­riere. Oft wer­den sie als ein­schüchternd emp­fun­den und passen daher nur schw­er in das Niedlichkeit­skonzept here­in. Zudem sind ihre Ansprüche an eine Part­ner­schaft gewach­sen.

Für Frauen hat jedoch das Unver­heiratet­sein deut­lich härtere Kon­se­quen­zen. Erre­ichen sie ihre Endzwanziger ohne einen Ehe­mann, wer­den sie als „shèngnǚ“ abgestem­pelt – die Übrigge­bliebe­nen. Wie wenig erstrebenswert dieser soziale Sta­tus ist, zeigen mir meine Stu­dentin­nen aus erster Hand. Fragt man sie nach ihren Zie­len, kom­men „einen Fre­und find­en“ und „hüb­sch­er wer­den“ in einem Satz. Uni­ab­schlüsse und Kar­ri­eren sind zwar schön, aber irgend­wie auch Neben­sache, wenn man ohne Part­ner als min­der­w­er­tig gilt.

In meinem Sprachkurs kon­nte sich keine der west­lichen Frauen für die niedlichen a‑Laute begeis­tern. Das Gegen­teil war der Fall: Es rief eine Trotzigkeit her­vor, die mit ein­er ohne­hin vorhan­de­nen Skep­sis gegenüber der chi­ne­sis­chen Kul­tur ein­herg­ing. Ich sah das Ganze rel­a­tiv gelassen: Dass sich jemand jen­seits der Teenager­jahre frei­willig als süß stil­isiert, mag als absurd erscheinen. Allerd­ings unter­schei­den sich die tra­di­tionellen Rol­len­bilder Ostasiens wenig von denen des West­ens, wo zwar schein­bar mehr Akzep­tanz herrscht, aber unver­heirateten Frauen nun nicht ger­ade Bewun­derung aus­ge­sprochen wird. Meine Chi­ne­sisch-Lehrerin war von den Reak­tio­nen ihrer Teil­nehmerin­nen wenig über­rascht und ließ nur weise nick­end den Satz fall­en: „Süß zu sein, ist nichts Schlecht­es“. Was sie damit genau meinte, kon­nte ich nur erah­nen. Wie so viele andere kul­turelle Phänomene ist auch das Kawaii kom­plex­er als es aus ein­er west­lichen Per­spek­tive zunächst den Anschein hat.

Inter­es­sant ist das Niedlichkeit­skonzept näm­lich vor allem dann, wenn es sein wahrlich sub­ver­sives Poten­zial offen­bart. In Japan, stärk­er als in Chi­na, beteili­gen sich auch Män­ner, oft Sänger oder Schaus­piel­er, an der Per­for­manz des Kawai­is, auch über ihr Äußeres in Form von lan­gen Haaren und rasierten Beinen. Was in Europa als Ver­we­ich­lichung gese­hen wer­den würde, gilt in Asien in diesem spez­i­fis­chen Kon­text als akzept­abel und zeigt nur zu deut­lich, wie rigide und beschränkt west­liche Maskulin­ität­skonzepte noch immer sind. Zudem nutzen mar­gin­al­isierte Grup­pen das Konzept, um eigene Iden­titäten jen­seits der vorgeschriebe­nen Rollen zu kreieren – das funk­tion­iert zum Beispiel über eine Mis­chung von niedlichen und aggres­siv­eren Ele­menten. Süß zu sein, kann so auch als ein Zeichen von Stärke inter­pretiert wer­den.

Nicht zulet­zt ver­birgt sich hin­ter dem Niedlichkeitswahn auch eine Art Welt­flucht. In Zeit­en der ständi­gen Pro­duk­tion, schlecht­en Arbeits­be­din­gun­gen und lan­gen Arbeit­sta­gen, die dafür sor­gen, dass die west­liche Welt rund um die Uhr mit Gütern ver­sorgt wird, wird Kawaii mit pos­i­tiv­en Emo­tio­nen ver­bun­den, für die es in einem All­t­ag vor lauter Verpflich­tun­gen kaum Platz gibt. Man erfreut also sich an etwas Süßem, Sim­plen und leicht Kon­sum­ier­baren. Vor diesem Hin­ter­grund erscheint Kawaii wed­er ver­w­er­flich noch falsch. Süß will ich aber trotz­dem nicht sein.

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