Gestrandet

Seit Anfang Januar bin ich nicht mehr in China gewesen. Als ich in den Urlaub nach Indonesien fuhr, hatten in China gerade die Semesterferien begonnen und der Ausbruch des Coronavirus war nicht mehr als eine Randnotiz in den Nachrichten, die mich zugegeben nur mäßig interessierte. Jetzt weiß ich nicht genau, wann ich wieder nach China zurückkehren werde.

Vor zwei Wochen fragte mich ein chinesischer Kollege, ob ich meinen Urlaub um zehn Tage verlängern könne. Zu dem Zeitpunkt war ich schon gute drei Wochen unterwegs gewesen, mein Urlaub neigte sich dem Ende zu und ich hatte, wohl zu optimistisch, einen Rückflug nach Shanghai gebucht. Nach Nanjing zu kommen, scheint zwar zum jetzigen Zeitpunkt noch möglich zu sein, es wurde mir jedoch von allen Freunden und Kollegen vor Ort davon abgeraten – nicht unbedingt wegen der Gefahr, sondern weil es dort schlicht und einfach nichts zu tun gibt.

Nanjing liegt in Jiangsu, einer Nachbarprovinz von Hubei. Laut meinen Bekannten vor Ort sind zirka 50 Leute infiziert, eigentlich ein Witz bei einer Stadt mit rund 8 Millionen Einwohnern. Trotzdem werden auch dort die Einwohner aufgefordert ihr Haus so wenig wie möglich zu verlassen und überall Masken zu tragen. Das gesamte öffentliche Leben ist lahmgelegt, viele Geschäfte geschlossen, der Campus abgeriegelt. Meine Kolleginnen kommen seit Wochen nicht mehr in ihre Büros.

Nun befinde ich mich mit ihnen in einer Art Wartemodus, der in meinem Fall sicherlich viel ertragbarer ist. Ich bin auch durchaus froh, dass ich die Zeit auf einer indonesischen Insel absitzen darf, und nicht eingesperrt in meiner kleinen chinesischen Wohnung. Trotzdem fühlt es sich an, als ob mein Leben, dessen Mittelpunkt sich nun mal gerade in China befindet, pausieren muss. An das wochenlange, unfreiwillige Backpacker-Leben muss ich mich erstmal gewöhnen, zumal dies natürlich auch einiges kostet.

Wenig hilfreich sind die ganzen Fake News, die in den chinesischen als auch westlichen sozialen Medien kursieren. Wenn ich morgens WeChat öffne, kommen mir hunderte neuer Nachrichten entgegen. Unter den Beiträgen sind viele dabei, die keinen Wahrheitsgehalt haben. So wird alle paar Tage das Gerücht verbreitet, dass Nanjing sich im „lock-down“ befinde, was bisher jedoch nie gestimmt hat und auch bei mir nur Panik auslöst. Die chinesische Zensur läuft gerade auf Hochtouren, um die Zirkulation dieser Falschmeldungen unter Kontrolle zu bringen, und natürlich um ein positives Image des Staates zu verbreiten, das zuletzt durch den Tod von Li Wenliang viele Kratzer abbekommen hat.

Noch weniger hilfreich sind auch die Videos, die junge Asiatinnen dabei zeigen, wie sie Fledermäuse essen, die als mögliche Virenträger gesehen werden. Dabei haben diese Videos keinen Bezug zu Wuhan und erklären nicht, wie der Virus entstehen konnte. Vielmehr sorgen sie dafür, dass die ohnehin weit verbreitete Sinophobie eine neue „Legitimationsgrundlage“ erhält und ich mich in einem permanenten Rechtfertigungsmodus befinde, warum ich denn überhaupt in ein Land zurück möchte, in dem sowas gegessen wird und die Menschen ohnehin so „merkwürdig“ sind. Ich habe keine Lust mehr mir anhören zu müssen, was andere Europäer alles an der chinesischen Lebensweise, angefangen bei deren Tischmanieren bis hin zur Selfie-Kultur, abstoßend finden. Wie anstrengend es für Chinesen ist, vor allem für die, die sich gerade im Ausland aufhalten oder dort leben, mag ich mir kaum vorstellen.

Wie effizient die implementierten Maßnahmen sind, ist sicherlich eine legitime Frage. Ich frage mich aber vor allem, wie lange das Ganze noch so weiter gehen soll. Wochenlang zuhause zu sitzen, ohne Beschäftigung, erscheint mir genauso wenig gesund wie neben schniefenden Leuten in der U-Bahn zu stehen – vor allem in Städten wie Nanjing, die eine vergleichsweise geringe Zahl von Infizierten aufweisen. Aber die Menschen in Asien haben, ob nun begründet oder unbegründet, Angst und nehmen die gravierenden Einschnitte in ihre Lebensqualität in Kauf. In Indonesien, wo es offiziell wenig bekannte Infizierte gibt, sieht man Menschen mit Masken herumlaufen und auch an den Flughäfen wurden Sicherheitsmaßnahmen stetig verschärft. Als ich neulich auf dem Flughafen in Jakarta zwischenlandete, waren es vor allem Europäer, die keine Maske trugen – wohl aus Trotz, oder Lebensmüdigkeit.

Ich selbst bin nun also bis auf Weiteres im Zwangsurlaub und versuche diesen zu genießen. Der Semesterbeginn wird immer weiter nach hinten verschoben, wann es genau weitergeht, weiß niemand. Manchmal denke ich, dass ich diese Ruhephase besser wertschätzen könnte, wenn ich einen Bürojob hätte, der mich langweilt. Aber ich mag China und ich mag mein Leben in China. Ich will, dass es weitergeht. Der Gedanke, den Rest des Jahres am Strand zu liegen, hört sich besser an als er ist.

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