Die Grenzen des Online-Unterrichts

Wer derzeit mit Kindern zu Hause sitzt oder das Glück hat, in einem der Bildungssysteme dieser hoch vernetzen Welt zu arbeiten, der hat – neben „Kontaktsperre“ und „Öffnungsdiskussionsorgie“ – ein neues Wort in seinen täglichen Sprachgebrauch integriert: „Online-Unterricht“. Was vor wenigen Wochen noch ein semi-zukunftsträchtiges Projekt einiger Privatschulen und Universitäten war, ist nun auch im deutschen Alltag angekommen. Mich persönlich beschäftigt dieser Online-Unterricht schon seit Mitte Februar, als klar wurde, dass die chinesischen Universitäten geschlossen bleiben werden.

In gewissen Kreisen ist der Online-Unterricht das Small-Talk-Thema schlechthin und das auch völlig zu Recht. Es ist ohnehin überraschend, dass Eltern (ganz zu schweigen von Alleinerziehenden), die neben Home Office und Hausarbeit, nun auch noch Ersatzlehrer für ihre Kinder spielen müssen, nicht lauter protestiert haben, als ihre Kinder nach Hause verbannt wurden. Wahrscheinlich hoffte man, dass das Ganze schneller vorbei sein würde. Mir, die gebannt und sehr genau die Entwicklungen in China verfolgte, schwante allerdings Schlimmes. In Nanjing haben nämlich die Schulen erst vor Kurzem aufgemacht. Und meine chinesische Universität wird ihre Campus-Tore diesen Sommer sehr wahrscheinlich nicht mehr öffnen.

In der ZEIT konnte man diese Woche lesen, wie sich eine Hamburger Schule naiv-optimistisch den neuen Herausforderungen stellt und langsam wieder mit dem Präsenzunterricht beginnt. Einige Lehrer sehen die Wiedereinführung des Präsenzunterrichts kritisch, es fallen dabei Sätze wie „Unser Digital-Unterricht läuft doch gut!“, die erst verwundern, dann irritieren. Für wen läuft der Digital-Unterricht gut, frage ich mich, wenn ich so etwas lese – für die ganzen Lehrer und Dozierenden, die oft ohne Vorwarnung und Vorbereitungszeit auf Online-Unterricht umsteigen mussten? Für die Schüler und Studierende, die sich plötzlich alles selbst beibringen können? Oder gar für deren Eltern, die zu Hause die Funktion der Lehrer übernehmen dürfen?

Eigentlich sollte ich keinen Grund haben, mich zu beschweren. Denn schließlich habe ich es weder mit verspielten Grundschülern noch mit lustlosen Teenagern zu tun, sondern darf die scheinbar pflegeleichteste Gruppe überhaupt betreuen. Theoretisch lernen und arbeiten Studierende nämlich freiwillig, eigenverantwortlich und selbstständig. In der Praxis sieht das allerdings oft anders aus – vor allem in einem Land wie China, wo viele Studierende nicht selbst entscheiden, welches Fach sie studieren und kaum eigenes Interesse mitbringen. Die Universitäten sind dort viel schulischer aufgestellt als man das aus Deutschland gewohnt ist. Außerdem waren viele Studierende, als in China der Online-Unterricht begann, schon wochenlang zu Hause eingesperrt und dementsprechend wenig motiviert. Wer könnte es ihnen verübeln?

Der Online-Unterricht ist so problematisch, weil bei seiner Implementierung davon ausgegangen wurde, dass jeder stabiles Internet, einen eigenen Computer und ein eigenes Zimmer zur Verfügung hat, um sich intensiv auf Prüfungen vorzubereiten und Abschlussarbeiten zu schreiben – was schlicht und einfach nicht der Realität entspricht. Studierende fragen mich, ob ich ihnen Bücher für ihre Hausarbeiten besorgen kann, weil nicht alles digital verfügbar ist. Sie melden sich vom Unterricht ab, weil sie Eltern und Verwandte zum Einkaufen oder zum Arzt begleiten müssen. Bei Telefonaten hört man im Hintergrund wahlweise jüngere Geschwister, die quengeln, oder krähende Hähne. Die Studierenden (wie auch ihre Lehrer) haben ganz offensichtlich Verpflichtungen, von denen sie während des Semesters normalerweise befreit wären.

Natürlich birgt der Online-Unterricht auch einige wenige Vorteile, die nicht unerwähnt bleiben sollen: Studierende, die im Präsenzunterricht kaum sprechen, schicken auf einmal zehn-minütige Sprachnachrichten. Zudem müssen auf einmal alle Studierenden die Aufgaben bearbeiten. Im Präsenzunterricht müssen sie das theoretisch auch, doch viele lehnen sich im Unterricht entspannt zurück und lassen Andere einen Großteil der Arbeit machen. Doch obwohl es sicherlich schön ist, dass sich alle Studierenden jetzt ganz individuell mit dem Stoff auseinandersetzen, ist diese Arbeitsform trotzdem nicht aufrecht zu erhalten. Die Studierenden klagen über zu viel Arbeit und ihre Lehrer müssen auf einmal Hunderte von Aufgaben mehr korrigieren, was natürlich kaum schaffbar ist. „Technisch intelligenter und didaktisch anspruchsvoller“, wie es in dem ZEIT-Artikel weiter heißt, würde ich meinen Unterricht tatsächlich auch gern mal gestalten, aber wer hat schon Zeit dafür sich so reflektiert damit auseinanderzusetzen, wenn man wöchentlich Material, das überhaupt nicht für einen Online-Unterricht konzipiert war, liefern soll?

Sehr wahrscheinlich würde das Experiment „Online-Unterricht“ deutlich besser funktionieren, wenn alle Beteiligten eine adäquate Vorbereitungszeit gehabt hätten, die es in einer Pandemie nun einmal nicht geben kann. So aber zeigt der Online-Unterricht nicht nur die Lücken in der Digitalisierung, sondern umso mehr die sozialen Unterschiede in einer Gesellschaft auf. Unterricht kann nicht eins-zu-eins ins Digitale übersetzt werden kann und Lehrende sind noch immer nicht überflüssig. Das ist zwar eine wichtige Erkenntnis, der Weg dahin aber auch eine ganz schöne Zumutung.

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