Der Weg in die Unmündigkeit

Keine Sprache der Welt scheint so viel Angst auszulösen wie die chi­ne­sis­che. Eine der meist­gestell­ten Fra­gen vor mein­er Abreise glich daher eher einem entset­zten Aus­ruf: „Du lernst doch dann nicht etwa Chi­ne­sisch!“. Das sei schon vorge­se­hen, murmelte ich stets als Antwort vor mich hin, und Chi­ne­sisch sei ja auch eine nüt­zliche Sprache. Die fra­gen­den Per­so­n­en blick­ten mich dann immer mit einem über­aus skep­tis­chen Gesicht­saus­druck an, dem ein resig­niertes Kopf­schüt­teln angesichts mein­er schein­bar hart­näck­i­gen Blauäugigkeit fol­gte. Darauf reagierte ich wiederum meist mit einem unverbindlichen Schul­terzuck­en, das irgend­was zwis­chen „mal abwarten, wie es dann vor Ort ist“ und einem „immer mit der Ruhe, so schw­er kann es doch nicht sein“ sig­nal­isieren sollte. Oft kam das Gespräch so zu einem frühzeit­i­gen Ende, aber ein biss­chen Unsicher­heit blieb natür­lich beste­hen.

Am Abend vor mein­er Abreise ver­lor ich mich dann in den Tiefen von YouTube und begann damit, mir so einige Ted-Talks übers Sprachen­ler­nen anzuschauen. Ich brauchte ein­fach diesen real­itäts­fer­nen, amerikanis­chen You-can-do-every­thing-if-you-try-hard-enough-Opti­mis­mus, der mir sug­gerierte, dass die chi­ne­sis­che Sprache dur­chaus beherrschbar sei und man in Winde­seile alle möglichen Zeichen lesen ler­nen könne. Hin­ter­her fan­tasierte ich, wie ich nach einem Jahr wiederkomme, fließend Chi­ne­sisch spreche und dabei allen Skep­tik­ern in die Augen schaue und mir denke, ha, euch habe ich es allen gezeigt – das Ganze natür­lich in dem Wis­sen, dass ich eigentlich zu reif bin, um Leuten irgend­was zu beweisen zu müssen.

Vor ein paar Tagen bin ich nun also in Chi­na angekom­men und kann bericht­en, dass sich all diese Fra­gen – ob Chi­ne­sisch jet­zt leicht, schw­er oder unmöglich zu ler­nen sei – schla­gar­tig erübrigt haben. Auch die Frage, ob ich Chi­ne­sisch ler­nen will, spielt eigentlich keine Rolle mehr – ich muss Chi­ne­sisch ler­nen, zumin­d­est die Grund­la­gen, ich habe hier gar keine andere Wahl. Denn ver­ste­hen tue ich derzeit abso­lut nichts, und da in mein­er näheren Umge­bung so gut wie nie­mand Englisch spricht (außer den Studieren­den und manche von denen mehr schlecht als recht), kann ich auch nur mit wirren Hand­be­we­gun­gen und einem geduldigen Lächeln kom­mu­nizieren.

Sel­ten habe ich mich so ver­loren, so unmündig gefühlt wie in diesen ersten Tagen. In Europa sind viele Sprachen miteinan­der ver­bun­den, die meis­ten Schriften kann man halb­wegs lesen und mit Hän­den, Füßen und ein biss­chen Englisch klappt die Kom­mu­nika­tion eigentlich immer – zumin­d­est eben irgend­wie. Hier: Ich starre auf ein Menü, erkenne nichts famil­iäres, sehe nur Hiero­glyphen und schaue mit leeren Augen die Kell­ner­in an, die mich mit ein­er Mis­chung aus Inter­esse und Ungeduld eben­falls betra­chtet. Ich kann nichts sagen, weil mein Gehirn diese Zeichen auf der Karte mit keinem der Laute, die ich kenne (und es sind anscheinend nicht beson­ders viele), verbinden kann. Also zeige ich auf irgen­det­was und hoffe ein­fach, dass da kein Tier drin ist, was in Chi­na eher unwahrschein­lich ist.

Dass es natür­lich nicht über­all so ist, son­dern vielle­icht nur in meinem kleinen Vier­tel, auf der anderen Seite des Jangtse, merke ich dann später auf dem Weg in die Innen­stadt. Ich bedanke mich still und leise für die im Pinyin geschriebe­nen Schilder in der Metro. Ins­ge­heim frage ich mich allerd­ings, warum sie die über­haupt haben. Selb­st in amerikanis­chen Exportschlagern wie Star­bucks oder McDonald’s spricht nie­mand vom Per­son­al Englisch, auch wenn die Menüs zweis­prachig sind. Zudem sehe ich hier in Nan­jing so sel­ten Aus­län­der, dass wenn ich sie dann mal sehe, zweimal blinzeln muss, um mich zu vergewis­sern, dass es sich nicht um Hirnge­spin­ste han­delt. Den Chi­ne­sen scheint es ähn­lich zu gehen.

Wäre die Geschichte nun anders ver­laufen, würde hier vielle­icht nir­gend­wo Pinyin ste­hen, und ich hätte stattdessen ab der 5. Klasse Chi­ne­sisch gel­ernt und wäre jet­zt nicht auf die Hil­fe mein­er Studieren­den angewiesen, die mir brav eine chi­ne­sis­che App nach der anderen auf meinem Handy instal­lieren (die es natür­lich meis­tens nur in chi­ne­sis­ch­er Sprache gibt) und der Küchen­frau in der Men­sa bestäti­gen, dass ich genau dieses lang­weilige Gemüse da will. Und hät­ten wir alle Chi­ne­sisch statt Englisch gel­ernt, denke ich eines Nach­mit­tags nach ein­er beson­ders miss­glück­ten Inter­ak­tion, wür­den wir jet­zt auch weniger Angst vor der Sprache und ihrer Kom­plex­ität haben, und nicht nur vor der Sprache, auch vor diesem Land und dieser Kul­tur, die ja vie­len (mir zuweilen auch) als beson­ders „fremd“ erscheint. Es wäre doch nur zu unserem Vorteil, schimpfe ich so vor mir her, wenn wir die meist­ge­sproch­ene Sprache der Welt (vor Englisch! vor Spanisch!) sprechen kön­nten.

Irgend­wann – das ist keine beson­ders orig­inelle Mut­maßung – wer­den wir tat­säch­lich alle Chi­ne­sisch ler­nen, um mit diesen 1,3 Mil­liar­den Sprech­ern, die ein Sech­s­tel der Welt­bevölkerung aus­machen, kom­mu­nizieren zu kön­nen. Genießen wir also die Zeit, in der der West­en noch als das Non­plusul­tra gilt und alle Schüler in Chi­na noch wie ver­rückt Englisch büf­feln, um vielle­icht irgend­wann ein Stipendi­um für eine amerikanis­che Elite-Uni zu ergat­tern. Genießen wir die Zeit, in der wir get­rost alle möglichen Ausre­den find­en kön­nen, um uns nicht weit­er mit der chi­ne­sis­chen Sprache auseinan­der­set­zen zu müssen. Ich habe den Ver­dacht, dass sie nicht mehr lange andauern wird und mache mich in der Zwis­chen­zeit lieber auf den Weg zur ersten Chi­ne­sisch-Stunde meines Lebens.

Fort­set­zung fol­gt.

Wenn dir diese Kolumne gefall­en hat, dann abon­niere sie doch gle­ich per E‑Mail! Hier geht’s zum For­mu­lar.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.