Das Leben in der digitalen Zukunft

Neulich auf dem Nan­jinger Flughafen sprach mich jemand aus Weißrus­s­land an. Weit und bre­it die einzi­gen zwei „Expats“ zu sein, verbindet schließlich immer. Das gemein­same Durch­laufen der chi­ne­sis­chen Emi­gra­tionsprozedere auch. Es fol­gte also ein wenig Small Talk, der mit der Frage endete: „Kann ich noch kurz deinen QR-Code scan­nen?“ Daraufhin zück­te ich mein Handy und gener­ierte mit erstaunlich­er Abgek­lärtheit besagten QR-Code, der wiederum in Blitzschnelle vom Gegenüber einges­can­nt wurde, man wolle den Flug ja nicht ver­passen.

Wie selt­sam diese ganze Kom­mu­nika­tion eigentlich war, wurde mir erst hin­ter­her so richtig bewusst. Bis­lang hat­te ich Handy-Num­mern aus­ge­tauscht oder Leute auf Social Media hinzuge­fügt, aber per­son­al­isierte QR-Codes scanne ich erst seit­dem ich in Chi­na bin. Beim ersten Mal war das noch recht unge­wohnt, jet­zt ist es fast schon Rou­tine. Wann immer ich neue Leute ken­nen lerne, frage ich inzwis­chen selb­st, ob ich ihren QR-Code scan­nen darf. So tauscht man halt Kon­tak­t­dat­en aus, in Chi­na im Jahr 2020.

Das Ganze funk­tion­iert über WeChat, dem chi­ne­sis­che Pen­dant zu What­sApp. WeChat funk­tion­iert im Prinzip so wie What­sApp, hat aber ins­ge­samt mehr Funk­tio­nen, die What­sApp auch alle haben kön­nte, wenn man nicht so darauf bedacht wäre, seine Nutzerin­nen und Nutzer nicht zu über­fordern. Mit per­son­al­isierten QR-Codes exper­i­men­tiert What­sApp näm­lich schon seit Langem. Mein ganzes Leben spielt sich in Chi­na auf WeChat ab – ich buche damit Zugtick­ets, informiere mich über Ver­anstal­tun­gen, teile „Momente“ (eine Art Sta­tus-Update) und Fotos. Meine Studieren­den haben zwar meine E‑Mail-Adresse, schick­en mir aber ihre Fra­gen und Auf­sätze stets auf WeChat.

Vor eini­gen Wochen habe ich auf deutschen Social-Media-Kanälen gese­hen, dass Apple über offen­sives Influ­encer-Mar­ket­ing Wer­bung für Apple Pay macht – eine App, mit der man bargeld­los mit iPhone bezahlen kann – und musste kurz auflachen. Denn was da in Deutsch­land als Inno­va­tion verkauft wird, ist in Chi­na (und anderen Län­dern) längst gang und gäbe. Über WeChat (oder Ali­Pay) wick­le ich seit mein­er Ankun­ft alle Bezahlun­gen ab. Anfänglich wollte ich noch mit Kred­itkarte oder zumin­d­est bar zahlen, aber als dann mein chi­ne­sis­ches Bankkon­to mit WeChat ver­bun­den war, hat­te sich das erledigt. Als ich ein­mal meinen Geld­beu­tel in der Uni liegen ließ, küm­merte mich das nicht groß. Zum einen weil es über­all Videokam­eras gibt, zum anderen weil mein Handy auf ein­mal noch wichtiger gewor­den war, und das hat­te ich ja in der Hand.

Beim kleinen Obst­laden auf dem Cam­pus, an meinem bevorzugtem Dumpling-Stand, an Getränkeau­to­mat­en – über­all hän­gen QR-Codes, über­all kann man mit WeChat zahlen, egal wie klein das Geschäft ist. Auch Restau­rants arbeit­en mit QR-Codes. Wenn man diese ein­scan­nt, kommt man über WeChat zum Menü, kann dort auswählen, die Bestel­lung an das Restau­rant schick­en und direkt bezahlen. Oft­mals bedarf es dabei natür­lich trotz­dem die Hil­fe der Kell­ner­in­nen und Kell­ner, die hap­tis­che Speisekarte ist jedoch gän­zlich über­flüs­sig gewor­den.

Chi­na und seine Bewohn­er befind­en sich also schon in ganz anderen dig­i­tal­en Sphären als wir in Europa. Und ich mich mit ihnen, obwohl ich mich anfänglich ein biss­chen gesträubt hat­te. Was auf WeChat und über­all in Chi­na passiert, ist natür­lich dig­i­tale Run­dumbe­wachung. Auf WeChat musste ich einen Scan meines Pass­es hin­ter­legen, um den Account zu ver­i­fizieren. Ich kann ohne meine Pass­num­mer keine Züge buchen. Ich kann keine Hotelz­im­mer bele­gen, ohne fotografiert zu wer­den. Auf vie­len Cam­pus kommt man nur über Gesicht­serken­nung rein, es sei denn man ist Aus­län­der und darf sich dumm stellen. Wenn ich für ein paar Yuan Obst kaufe und mit Handy bezahle, wird das irgend­wo reg­istri­ert.

Wer sich dem entziehen kann, muss über ein Maß an Wil­lensstärke ver­fü­gen, das ich nicht besitze. Die ganzen Apps sind auf die Bequem­lichkeit und das Sucht­po­ten­tial des Men­schen zugeschnit­ten. Bestellen und bezahlen kamen mir tat­säch­lich noch sie ein­fach vor wie in Chi­na. Man ist ohne­hin dauer­haft im Inter­net, da man für wenig Geld große Daten­vol­u­men erhält. Die Transak­tion selb­st geht so schnell, dass man sie fast nicht mit­bekommt. Man bekommt zwar eine Mit­teilung, dass sich der Kon­to­stand geän­dert hat, aber mit einem Swipe nach rechts lässt sich auch das ignori­eren. Macht man es ein­mal, macht man es immer wieder. So wird die für Chi­nas Wach­s­tum so wichtige Kaufkraft beflügelt.

Wäre ich nicht auf WeChat, hätte ich zudem das Gefühl etwas zu ver­passen. Das Gefühl habe ich ohne­hin, da ich die Sprache nicht spreche. Hätte ich jedoch keine chi­ne­sis­chen Apps, würde mir die chi­ne­sis­che Kul­tur noch viel fremder vorkom­men. Die inter­es­san­ten und oft auch rel­e­van­ten Infor­ma­tio­nen über das chi­ne­sis­che Leben finde ich nicht über Google oder Face­book oder Touris­ten-Büros in Chi­na, son­dern in WeChat-Grup­pen. Von Ver­anstal­tun­gen, Aus­flü­gen, Uni-inter­nen Angele­gen­heit­en, den besten Restau­rants oder dem Leben mein­er Studieren­den erfahre ich auf WeChat (noch aufre­gen­der ist es nur auf Wei­bo, dem chi­ne­sis­chen Twit­ter).

Die gesamte Kom­mu­nika­tion auf WeChat find­et natür­lich nur im mehr oder weniger „erlaubten“ Rah­men statt. Auf WeChat zen­siere ich mich selb­st, ich ver­mei­de es, Youtube-Links zu schick­en, die Namen von uner­laubten VPNs zu nen­nen und generell alle poli­tis­chen Anspielun­gen. Auf WeChat wird alles unver­schlüs­selt versendet und Daten­schutz ist, zumin­d­est bei meinen Studieren­den, kein beson­ders großes The­ma. Wenn dig­i­tale Neuerun­gen disku­tiert wer­den, geht es meis­tens um Prak­tik­a­bil­ität, sel­ten um Fra­gen der Pri­vat­sphäre, die in Chi­na ohne­hin ganz anders definiert wird. Ein Leben ohne inter­net­fähiges Handy ist für viele sowieso unver­stell­bar. Wem das jet­zt alles nach zu viel Dystopie klingt, der möge sich wapp­nen – bald wer­den wir uns in Europa näm­lich auch alle ein­scan­nen, so viel ist sich­er. Doch wir haben aber das Glück, darüber anstren­gende Diskus­sio­nen führen zu dür­fen und Geset­ze zu fordern.

Chi­na saugt allerd­ings nicht als Einziger all unsere Dat­en auf, auch wenn das die Debat­te um den Aus­bau von 5G hin und wieder sug­geriert. West­liche Großun­ternehmen tun das auch, jeden Tag. Jed­er Stan­dort, jed­er Einkauf, jed­er Chat wird bei uns reg­istri­ert. Wem seine Pri­vat­sphäre also wirk­lich wichtig ist, der sollte auch außer­halb Chi­nas VPNs benutzen, und hin und wieder seine Google-Aktiv­itäten-Liste löschen. Dig­i­tale Frei­heit ist näm­lich auch bei uns nur eine Farce. Aber wir kön­nen uns wenig­stens auf Social Media darüber beschw­eren.

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