Chinesisch für Anfänger

Chi­na ist noch immer in weit­er Ferne. Die Sit­u­a­tion vor Ort scheint sich zu bessern, doch wann das nor­male Leben weit­er geht, weiß noch immer nie­mand. Ver­bun­den füh­le ich mich dem Land derzeit vor allem über Sprache. Ganz Chi­na ist auf Online-Unter­richt umgestiegen, darunter auch meine Chi­ne­sisch-Lehrerin, die uner­müdlich ver­sucht, mich durch die ver­schiede­nen Sprach­lev­el zu lot­sen. Vor ein paar Monat­en hat­te ich von meinem Weg in die Unmündigkeit berichtet – und auch von dem damals selb­st aufer­legten Ziel, zumin­d­est ein biss­chen Chi­ne­sisch zu ler­nen. Zeit also für ein kurzes Update.

Kom­men wir gle­ich zur wichtig­sten Frage: Wie schwierig ist Chi­ne­sisch wirk­lich? Es hält sich ja hart­näck­ig das Gerücht, dass nicht nur Chi­ne­sisch son­dern auch andere asi­atis­che Sprachen beson­ders schwierig, kom­plex, und qua­si unbezwing­bar seien. In Nan­jing gibt es natür­lich auch jene Expats, die diese Gerüchte augen­schein­lich bestäti­gen, da sie auch nach fünf Jahren kein einziges Wort sprechen kön­nen. Dass sie dafür nicht mit Anfein­dun­gen bestraft, son­dern mit Geduld belohnt wer­den, haben sie natür­lich ihrer west­lichen Herkun­ft zu ver­danken.

In meinem ersten Chi­ne­sisch-Kurs bin ich dieser Gruppe begeg­net und habe den Kampf, und let­ztlich auch ihr Scheit­ern, aus näch­ster Nähe beobacht­en kon­nte. Der Kurs fing äußerst san­ft an, da wir das Glück hat­ten, eine Lehrerin gefun­den zu haben, die ihre Schüler nicht gle­ich in der ersten Stunde mit den ver­schiede­nen Tönen quält (allein das kann ja schon höchst ein­schüchternd sein), son­dern recht prag­ma­tisch Wörter und Sätze übt, die man direkt vor der Haustür anwen­den kann.

Nach den ersten bei­den Stun­den schienen die meis­ten noch motiviert, als allerd­ings so langsam die chi­ne­sis­chen Zeichen einge­führt wur­den, geri­eten die meis­ten mein­er Mit­stre­it­er ins Schwitzen und schienen sich nicht mal die ein­fach­sten Wörter wie „ich“ (我) oder „du“ (你) oder „Hal­lo“ (你好) auf Chi­ne­sisch merken zu kön­nen. Als mir dann immer diesel­ben Leute im Kurs zuflüsterten, dass sie sich Zuhause nichts aus der vorheri­gen Stunde angeschaut hät­ten, wurde mir so einiges klar. Kein­er von ihnen scheit­erte an man­gel­nder Sprach­be­gabung oder einem unter­durch­schnit­tlichen Gedächt­nis: Sie hat­ten ein­fach ihre Hausauf­gaben nicht gemacht.

Dass sie die Schuld nun auf die Sprache schoben, emp­fand ich als höchst unfair. Chi­ne­sisch funk­tion­iert natür­lich ganz anders als die europäis­chen Sprachen, ist aber in viel­er­lei Hin­sicht wun­der­bar ein­fach. Allein die ganzen Kom­posi­ta sind ein Traum für deutsche Mut­ter­sprach­ler. Da gibt es so schöne Wörter wie Shǒu­jī (手机), das Wort für Handy, das ganz wörtlich über­set­zt so viel wie „Hand-Mas­chine“ bedeutet. Oder das Wort für Com­put­er, Diàn­nǎo (电脑), über­set­zt: elek­tro­n­is­ches Gehirn. Inter­es­sant sind allein die ganzen Län­der­beze­ich­nun­gen, die man natür­lich rel­a­tiv früh lernt, wie Měiguó (美国) für Ameri­ka oder Yīng­guó (英国) für Eng­land. Wörtlich über­set­zt heißt ersteres „schönes Land“, let­zteres so viel wie „Land der Helden“ – Beze­ich­nun­gen, die sich­er nicht von den Chi­ne­sen kom­men. Deutsch­land heißt übri­gens Déguó (德国), das Land der Tugend.

Auch die Gram­matik ist erstaunlich über­schaubar. Auf Dek­li­na­tio­nen oder Kon­ju­ga­tion wird verzichtet. „Brauchen wir nicht“, hat mir meine Chi­ne­sisch-Lehrerin erzählt am Anfang, schließlich gäbe es ja genug Sig­nal­wörter, da müsse man das Verb nicht auch noch verän­dern – eine Argu­men­ta­tion, die mir äußerst schlüs­sig schien. Zudem verän­dert sich Wort­stel­lung fast nie. Anders als im Deutschen wird zum Beispiel bei Fra­gen nicht die kom­plette Wort­folge umgeschmis­sen, son­dern beibehal­ten und beispiel­sweise ein­fach ein „ma“ (吗) drange­hängt. „Chi­ne­sisch ist wie Lego“, erk­lärt meine Chi­ne­sisch-Lehrerin immer wieder gern, „man fügt ein­fach immer mehr Wörter hinzu“.

Ein Blick auf das Ver­hält­nis von Sprache und Geschlecht birgt auch inter­es­sante Ein­blicke. Viele mein­er Studieren­den ver­wech­seln, wenn sie Deutsch sprechen, die Pronomen „sie“ und „er“, was mich vor meinem Chi­ne­sisch-Kurs oft ver­wun­dert hat, da es ja im Deutschen (und auch in der deutschen Kul­tur) schon als entschei­dend ange­se­hen wird, ob es sich um einen Mann oder eine Frau oder etwas dazwis­chen han­delt. Im Chi­ne­sis­chen gibt es jedoch das Wort „tā“ für „sie“ und „er“, das gesprochen vol­lkom­men gle­ich klingt. Erst die Zeichen offen­baren, ob es sich um einen Mann (他) oder eine Frau (她) han­delt, was auch die fortwährende Ver­wech­slung im Deutschen erk­lärt.

Selb­st die chi­ne­sis­chen Zeichen sind gar nicht so schlimm, wie sie zunächst ausse­hen. Da sich die Wörter ja oft zusam­menset­zen, begeg­net man vie­len Zeichen immer und immer wieder. Nicht zulet­zt sehen manche Zeichen mit etwas Fan­tasie dur­chaus so aus, wie das, was sie beschreiben. Zum Beispiel lässt sich das Zeichen 人 für „rén“ (Men­sch) rel­a­tiv gut als laufende Per­son vorstellen, während „kǒu“ 口 (Mund) durch seine Form eine Öff­nung darstellt.

Ich bin sehr weit davon ent­fer­nt, fließend Chi­ne­sisch zu sprechen. Solche Lern­hil­fen und Wörter lernt man in Anfänger-Kursen. Und wie in jed­er Sprache gibt es Ele­mente – die Aussprache zum Beispiel – die für Chi­ne­sisch-Ler­nende nicht immer ein­fach sind. Aber Chi­ne­sisch ist keineswegs so schw­er, wie es immer behauptet wird. Und natür­lich trifft man auch im Aus­land das Gegen­teil der anfangs beschriebe­nen Sprach-Ver­weiger­er: die Leute näm­lich, die mit ihrer schein­bar müh­elosen Sprach­be­herrschung Ver­wun­derung und Jubel-Schreie bei den Mut­ter­sprach­lern aus­lösen. Chi­ne­sisch ver­langt nicht unbe­d­ingt mehr Kön­nen oder gar „Begabung“ als andere Sprachen – aber ohne ein biss­chen Fleiß lässt sich eben keine Sprache ler­nen.

Wenn dir diese Kolumne gefall­en hat, dann abon­niere sie doch gle­ich per E‑Mail! Hier geht’s zum For­mu­lar.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.