Auf nach China

Wohl kaum ein Land ist derzeit bei den Deutschen so unbeliebt wie China. Zumindest in den Kreisen, in denen ich unterwegs bin. Freunde schütteln ungläubig den Kopf, fragen, warum ich ausgerechnet nach China gehen muss und das auch noch für ein ganzes Jahr. Ein Typ in einer Berliner Bar fragt mich gar, was ich bei den „bösen Chinesen“ will. Man wisse doch, dass ihnen nichts heilig ist, schon gar nicht die so wichtigen Fundamente unserer Demokratie, unsere so hart erkämpften Menschenrechte. Flüchtige Bekannte fragen mich zudem, übrigens oft recht unvermittelt, was ich denn eigentlich von den chinesischen Männern halte, die seien doch so klein, und überhaupt: China, das ist zu laut, zu unberechenbar, zu unfrei und die Menschen sind merkwürdig, das sehe man doch an den ganzen Touristen, die ständig durch Europa touren. Ich könne meinen chinesischen Studierenden ja dann auch mal beibringen, eine eigene Meinung zu bilden, kritisch zu denken, erzählt mir einer dieser flüchtigen Bekannten weise nickend, während ich mir den Boden meines Weinglases ein bisschen genauer anschaue.

Von China eine schlechte Meinung zu haben ist gerade sehr in und damit ständig bombardiert zu werden sehr anstrengend. Zurzeit ist die politische Lage ja auch besonders brisant und die Versuchung, bedeutungsleere Solidaritätsbekundungen mit Hong Kong auf Social Media zu posten, besonders hoch. Ich will die Tatsache, dass China gegen Menschenrechte und gegen andere Dinge verstößt, gar nicht relativieren. Das muss man verurteilen. Aber viele unserer Vorurteile gegenüber China haben – politisches System hin oder her – schlicht und einfach auch mit Stereotypen, nein mit purem Rassismus zu tun, machen wir uns da nichts vor.

Hinter diesen Vorurteilen steckt – wie immer – Ignoranz. Und eigentlich ist dieses unausgegorene Halbwissen kaum überraschend, denn was lernen wir schon über China, beispielsweise in der Schule? Ich kann mich vage an eine recht öde Geografie-Stunde zur Ein-Kind-Ehe erinnern. Und wenn man besonders Glück hatte, begegneten einem noch die Opium-Kriege im Geschichtsunterricht. Mein eigenes Wissen über China, einem Land, mit dem ich in einem Leben schlichtweg wenig zu tun hatte, setzt sich allerdings vorrangig aus der Lektüre von Spiegel-Überschriften zusammen. Dementsprechend schlecht fühle ich mich vorbereitet. Interkulturelle Kompetenzen sind gut und schön, aber eben oft nur leere Worthülsen. Was ich wirklich brauche, ist ein Crash-Kurs in chinesischer Kulturgeschichte.

Ich gehe mit dem Gefühl, nein mit dem Wissen, dass ich nichts weiß, absolut gar nichts. Und das ist auch in einer Zeit, in der Wissen eine Google-Suche entfernt ist, eine wichtige Erkenntnis. China war für mich lange ein Land irgendwo im „fernen Osten“, in dem bisweilen seltsame Dinge geschehen, Dinge, die ich nicht verstehe. Um diesem Nichtwissen zumindest ansatzweise entgegenzuwirken, habe ich eine umfangreiche Lektüreliste erstellt. Ich habe angefangen, Beschreibungen des Grabs von Fu Hao zu lesen, Berichte über einflussreiche Frauen, von Wu Zetian bis Cixi, und Graphic Novels über das Nanjing-Massaker. Ich mache das, was ich gut kann, was ich in den Geisteswissenschaften gelernt habe – lesen, recherchieren. Durch Lesen beginnt China Gestalt anzunehmen.

In meinem Facebook-Feed ist China dafür, dass es sich so hartnäckig gegen Zuckerbergs Offensiven wehrt, derzeit erstaunlich präsent. Handelskrieg mit Trump, Proteste in Hong Kong, die Situation in Xinjiang, Merkels Vorbereitungen für den geplanten China-Trip. Touristin sein ist so einfach, denke ich mir, während ich immer tiefer und tiefer scrolle. Man schaut sich für zwei, drei Wochen ein Land an, um dann wieder in seine eigene, kleine Welt zurückzukehren. Man muss keine Positionen beziehen.

China aber ist ein Land, zu dem man Position beziehen müsse, heißt es oft, jetzt, wo es um die Kernfragen der modernen Gesellschaft gehe, um die Zukunft der Demokratie. Zwischen Abenteuerlust und Verunsicherung, Unwissenheit und Interesse stelle ich mir zurzeit eine Frage immer wieder, eine Frage, von der ich schon jetzt weiß, dass sie meinen Aufenthalt besonders prägen wird. China – so suggerieren mir Freunde, Bekannte und immer wieder auch die Medien – ist ein Land, ein System, das die vermeintlich gebildeten, oft liberalen, jungen Deutschen nur vehement ablehnen können. Ich frage mich: Ist Ablehnung tatsächlich die beste Form des Protests?

Es ist doch erstaunlich, dass wir, obwohl die Welt jeden Tag komplexer wird, immer noch so oft schwarz-weiß denken und in gut-böse unterteilen, dass wir uns von diesen simplen Dualitäten so schwer lösen können. Das Gute ist im Zweifelsfall immer das Bekannte. China wird, so ist zumindest meine Erwartungshaltung, komplexer sein als all die dualen Schemata, in die es gezwängt wird. Und auch meine eigene Welt wird dadurch komplexer und komplizierter werden. Ich werde schließlich in China arbeiten, in gewisser Weise werde ich also Teil des Systems, ich werde Geld verdienen, WeChat benutzen und junge Menschen unterrichten. Der chinesische Staat wird mehr über mich wissen als der deutsche, daran habe ich nicht die geringsten Zweifel.

Wie diese Realität, auf die ich mich da einlasse, letztlich aussehen wird, beschäftigt mich am meisten. Und sie ist ein wichtiger Grund, warum ich das Ganze überhaupt machen will. Es ist einfach, etwas abzulehnen, was man nicht kennt. Ich aber will wissen, wie diese 1,4 Milliarden Menschen leben. Ich will wissen, was sie essen, was sie einkaufen, was sie denken. Ich will wissen, wie die Grauzonen aussehen. Und ich will wissen, ob unser Leben in Europa wirklich so viel besser ist.

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