Als Vegetarierin in China

Mein Lieblingsvegetarier der Literaturgeschichte – und davon gibt es mehr, als man denken würde – ist Franz Kafka, dessen Verzicht auf Fleisch sowohl unterschwellige Patriarchatskritik als auch Teil seines Gesundheitswahns war. In Vegetarierkreisen wird ein Satz besonders gern zitiert, den Kafka angeblich über ein paar Fische gesagt haben soll, die er sich mit Max Brod in einem Aquarium anschaute: „Nun kann ich euch in Frieden betrachten. Ich esse euch nicht mehr.“

So ähnlich erging es mir neulich, als ich hier in China in ein Tiergeschäft mitgenommen wurde, in dem nicht nur süße Hundewelpen in zu kleinen Käfigen, sondern auch ein Mini-Schwein in rosa Kleidchen zum Verkauf standen. Es verlieh mir eine gewisse Ruhe zu wissen, dass ich den etwas größeren Artgenossen dieses Mini-Schweinchens, das umringt von gezückten Handys vor meinen Augen zu einer Art Celebrity mutierte, nicht fünfzehn Minuten später auf meinem eigenen Teller begegnen musste.

Tiere zu essen stellt für mich ein moralisches Dilemma dar, das nur mit Verzicht gelöst werden kann. Und eigentlich wissen wir doch alle, dass es handfeste Gründe gibt, warum man weniger oder gar kein Fleisch essen sollte. Diese Gründe treten jedoch ab und an in den Hintergrund, man muss tatsächlich manchmal aufpassen, dass man sie nicht aus den Augen verliert. So ist der Gang ins Ausland für viele Menschen in meinem Bekanntenkreis nicht selten der Moment, in dem ihr Vegetarier-, Flexitarier,- „Ich-esse-wirklich-nur-ganz-selten-Fleisch“-Dasein ein schlagartiges Ende nimmt. In gewisser Weise verstehe ich das auch – die chinesischen Fleischgerichte sehen fantastisch aus, duften köstlich, und man will ja auch „das Land kennenlernen“. Das geht natürlich nicht zuletzt über die Kulinarik, die ein wichtiger Teil jeder Kulturgeschichte ist.

Und ja, das kann ich ohne Vorbehalte bestätigen, Fleisch zu essen macht das Leben auch einfacher, im Ausland wie zuhause. Phasenweise empfinde ich das Vegetarier-Dasein als richtig anstrengend und halte die Behauptung, dass jeder mir-nichts-dir-nichts vegetarisch essen könne, für schlichtweg absurd. Es ist einfacher in Berlin vegetarisch zu leben als auf dem Land, und es ist derzeit einfacher in Deutschland Vegetarier zu sein als in China. Vegetarismus bedeutet Verzicht und Aufwand, weil man eben nicht einfach irgendetwas bestellen möchte, ohne sicher zu gehen, was da nun drin ist.

In den ersten Wochen hatte ich also zu kämpfen. Das Essen in der Uni-Mensa ist zwar gut, aber das Gemüse immer gleich, und es dauerte ein paar Tage, bis ich in den Supermärkten zwischen Süßigkeiten und Fertigprodukten etwas Essbares fand. Oft schielte ich auch etwas neidisch auf die Teller meiner Mitmenschen, weil deren saftige Ente besser aussah als mein lebloses Pak Choi. Ich sah mich schon an einer Art „Breaking-Point“ und stellte mir vor, wie ich nach Jahren zum ersten Mal wieder in eine zarte Entenbrust schneide, bis ich schließlich eines Tages nach einem besonders schmerzhaften Essen nach Hause lief, mit dem festen Entschluss mein Vegetarier-Dasein noch mal gründlich zu überdenken.

Das war gut so. Denn eine kurze Internetrecherche brachte mich zu einem Ergebnis, das ich natürlich erahnt hatte, aber noch mal schwarz auf weiß brauchte, quasi als Bestätigung, als Absolution: Wenn man in einem Land der Welt kein Fleisch essen sollte, oder besser gesagt essen will, dann in China. Geschmackserlebnisse hin oder her – die Gründe, die in Deutschland gegen Fleischkonsum sprechen, nämlich die fatalen Auswirkungen auf unser Klima, die Umwelt und unsere Gesundheit und nicht zuletzt die systematische Quälerei von Tieren, werden im Ausland nicht über Nacht irrelevant. Und Genuss steht nicht über allem.

Wer dann noch mit dem Argument kommt, dass Fleisch nun mal zur chinesischen Küche gehöre, dem sei ein kurzer Ausflug in die Geschichte des Landes ans Herz gelegt. Denn lange Zeit galt Fleisch in China, genauso wie übrigens in Europa, als Luxussymbol. Die meisten Menschen konnten sich Fleisch schlicht und einfach nicht leisten. Noch im letzten Jahrhundert musste die chinesische Bevölkerung gravierende Hungerperioden erleben, in denen die allerwenigsten Menschen Fleisch essen konnten.

Erst mit dem Wirtschaftsaufschwung stieg die Verfügbarkeit von Fleisch und der Fleischkonsum. Fleisch wurde – genau wie im Rest der Welt – zum Statussymbol einer immer größer werdenden Mittelschicht, die sich auf einmal das „Fleisch der Millionäre“, wie es früher in China hieß, nämlich Rind, leisten konnten. Mit dem wachsenden Wohlstand hat sich der Fleischkonsum in China in den letzten dreißig Jahren verfünffacht, und damit auch Übergewicht, Diabetes und Kohlendioxid-Emission. Die Chinesen konsumieren genau wie die Deutschen unverhältnismäßig viel Fleisch. Vor drei Jahren stellte das chinesische Gesundheitsministerium daher auch das Ziel auf, den Fleischkonsum der Bevölkerung um die Hälfte zu reduzieren.

In China finden sich tatsächlich auch noch fast überall die Überreste einer spezifisch vegetarischen  Kulturgeschichte. Denn sowohl die buddhistischen Mönche als auch viele Anhänger des Daoismus haben sich jahrhundertelang vegetarisch ernährt – obgleich aus sehr unterschiedlichen Gründen. Da die Tempel und Klöster oft beliebte Zwischenstationen Reisender waren und die Mönche nur vegetarisch kochten, überlegten sie sich raffinierte pflanzliche Alternativen, um von dem fehlenden Fleisch abzulenken. Fleischersatzprodukte gab es in China also schon vor Hunderten von Jahren, und auch heute noch finden sich in der Nähe von Tempeln viele vegetarische Restaurants.

Ab und an hört man Gerüchte, dass die Zahl der Vegetarier in China wieder steigt und sich in den Großstädten langsam eine Szene entwickelt. Von einem allgemeinen Trend oder gar einem veränderten Ess- und Konsumverhalten kann jedoch keine Rede sein. Fleisch wird morgens, mittags und abends gegessen. Und bis sich das endlich ändert, beiße ich lieber auf Pak Choi als in eine saftige Pekingente.

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